Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Heilige Nacht, Imp aufwecken, Mettn

Die Bescherung findet meist in der Stube oder im Wohnzimmer statt. Mittelpunkt ist der Weihnachtsbaum, auch er ein verhältnismäßig junger Teil unserer Weih - nachtstradition.

Der Weihnachtsbaum kommt nicht selten aus dem eigenen Wald. Er soll bei aufnehmendem Mond im richtigen Tierkreiszeichen geschlagen werden damit er die Nadeln nicht verliert. Wie die Bescherung bei den einzelnen Familien heutzutage abläuft, ist recht unterschiedlich geworden. Die Aufregung der Kinder dürfte aber immer noch die gleiche sein, wie zu Großvaters Zeit, wenn ein Glöcklein klang und die ganze Familie staunend in das erleuchtete Weihnachtszimmer ging.

„Alle Jahre wieder...“ Gesungen wird heutzu - tage nicht mehr so viel, wie in alten Zeiten. Jetzt kommt die Musik vom CD - Player oder aus der Cassette. Eigentlich sollte das „Stille Nacht“ erst am Heiligen Abend erklingen, es wird aber in der sogenannten Öffentlichkeit, wie Lebkuchen und Weihnachtsbaum schon lange vor der Zeit inflationiert. Die Art der Geschenke hat sich seit Kriegsende mehrfach grundlegend geändert von den selbstgestrickten Schafwollsocken über das erste Plastikspielzeug bis handy und Hifi. Der Trend seit den Neunziger Jahren geht in Richtung Ausstieg aus der Schenk- und Wiederschenk- Spirale und der Vereinnahmung des Weihnachtsfestes durch den Kommerz. Nach dem vormittäglichen Fasten und dem kargen Mittagsmahl freute sich früher die ganze Hausgemeinschaft auf die vergleichsweise üppigen kulinarischen Freuden am Abend. Es gab, neben der üblichen allabendlichen Gerstlsuppe zusätzlich Rohrnudel - mit Ei. Gewöhnlich war der Rohrnudelteig sonst nur ein einfacher Germteig. Häufig gab es dazu „Hollerkoch“, ein Kompott aus gedörrten Beeren vom Hollunderstrauch oder „Hollerbam“, vor dem jeder seinen Hut ziehen sollte, so sagt man, weil seine Früchte zum Weltvollsten aus der Apotheke Natur gehören. Und dann gab’s noch den Bachlzelten, ein Kletzenbrot mit Butter und Käse. Der Bachlzelten war beschriftet mit „Adam und Eva“, deren Namenstag der 24. Dezember im Kalender ist. Es wurde sehr darauf geachtet, dass der Bachlzelten nicht „auf dem Gesicht liegt“, also verkehrt herum. Das bedeutete Tod oder eine Fehlgeburt im Haus oder im Stall. Und mit Sicherheit wurde auf seiner Unterseite dreimal ein Kreuzzeichen gemacht, wie meist heute noch, jedes Mal, bevor ein Brot angeschnitten wird. Der Scherz des Bachlzelten, der Anschnitt des Kletzenbrotes, gehörte dem ältesten Sohn oder dem ersten Knecht. Diesen Scherz schenkte er seiner Liebsten, wenn er ihm nicht vorher spaßeshalber schon gestohlen worden war. Alle übrigen Bewohner des Hofes bekamen ihren eigenen kleinen Kletzenstruzen mit ihrem persönlichen Namen drauf.

Das Vieh im Stall bekommt zum Fest getrock - nete Kräuter als „Gleck“ aus dem geweihten „Kräuterbuschn“ vom vergangenen Sommer. Heute haben sich sowohl die strenge Einhaltung des Fastens als auch die anderen Eßgewohnheiten am Heiligen Abend geändert. Häufig gibt es, nicht nur der Hausfrau zuliebe, ein gutes aber einfaches Essen. Erwachsene von heute denken bei Krainer und Debreziner zurück an die Kriegs- und Nachkriegszeit, als sie Kinder waren und ein Paar Würstel das herrlichste Festessen war. Bis in die späten 80er Jahre fand die Mitternachtsmesse wirklich um Mitternacht statt. Seither beginnt sie um 23.00Uhr. Da trifft sich fast das ganze Dorf in der Kirche zur „Mettn“. Ein ganz alter Brauch, nur noch den Allerältesten im Dorf bekannt, war das „Imp auf - wecken“. Auf dem Weg zur Mettn sprach der Bauer einen Spruch, von dem bei uns nur noch die erste Zeile überliefert ist: „Impn wachts auf, Impn wachts auf...“ Mit Impn waren Bienen gemeint. Im Pidinger Heimatbuch berichtet Max Wieser von einem Spruch, der in Berchtesgaden üblich war: „Auf, auf in Gotts Nam, helfts wiederum zam, bringts da Kirchn a Wachs und uns an Henig, (Honig) an guatn und net zwenig.“

In den Kachelofen kam das „Mettnscheidl“, ein besonders mächtiges Stück Holz, das man sich längst für diesen Zweck bereitgelegt hatte und das sicherstellte, dass die Stube auch nach der Heimkehr von der „Mettn“ noch warm war. Zentralheizungen haben diesen Brauch teilweise überflüssig gemacht. Bereits eine Stunde vor Beginn des Gottes - dienstes läuten die Glocken so dass auch von weit her kommende Kirchgänger ihren Weg bei weihnachtlichem Glockengeläut gehen - oder fahren... Alle sind in festlicher Stimmung, der Kirchenchor hat lange geübt und gibt sein bestes, die ganze Schar der Ministranten ist im Einsatz. Und dann kommt es, das große Gloria! Der Erlöser der Welt sei geboren. Und Friede sei mit allen Menschen, die guten Willens sind! Jeder wünscht jedem „Frohe Weihnachten“ und „Guade Feischdag“, was so viel heißt wie „Gute Feiertage“.

In den Nachkriegsjahren spielte die Blasmusikkapelle nach dem feierlichen Gottesdienst vor dem Heldenfriedhof „Stille Nacht“. Vor jeder Namenstafel brannte eine Kerze. Die hölzernen Ständer lagerten das Jahr über auf dem Dachboden des Kaltenbachhauses. Aus dessen erstem Stock leuchtete die Wohnzimmerstehlampe der Försterfamilie Striegl auf die Notenblätter der Musiker. Die Erinnerung an die Kriegsjahre und die vielen Gefallenen war noch sehr lebendig. Später wurde dieser Brauch ersetzt durch das Turmblasen. Weihnachtliche Weisen von Bläsern auf dem Kirchturm begleiten die Kirchgänger auf ihrem Heimweg. Zuhause angekommen, gab es früher die traditionelle „Mettnsuppn“ zum Aufwärmen bevor man in die ungeheizten Schlafkammern ging. Heutzutage fährt man meist mit dem Auto nach Hause und hat auch keine so eiskalten Schlafkammern mehr. Was Warmes vor dem Schlafengehen soll es aber manchmal trotzdem noch geben.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!