Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

1917 – Tod am Kühstein

Die alte Eggerbäuerin, Franziska Wimmer, geborene Hinterseer, eine Baureggertochter, erzählt Fritz Herzinger, unserem ehemaligen Bayerischen Forstmeister, die tragische Geschichte vom Tod ihres Bruders Fritzl:

„Ich erzähl, was mir meine Eltern und meine älteren Geschwister erzählt haben. Ich war ja jünger als unser Fritzl, und der war ja erst dreieinhalb Jahre alt, wie es passiert ist. Es war eine furchtbare Zeit, die Mutter ist überhaupt nicht mehr vom Fenster weggangen. Sie hat Tag und Nacht grärscht (geweint). Es war am 15. Mai des Jahres 1917. Es war Krieg. Der Vater war von der Front auf Urlaub daheim. Wir waren 12 Kinder auf dem Baureggerhof am Sonnberg. Der Sepp, der was a meiniger Bruder gwen is, hat mit dem Ross zum Neuhauser ins Dorf hinunter fahren müssen. Der Neuhauser war ein Bruder vom Vater. Der Vater hat auf der Bauregger Säge Holz geschnitten. Die zwei Buben, der Lois ist fünf Jahre alt gewesen und der Fritz mit dreieinhalb, die haben sich eingebildet, sie möchten mit ihm bis zur Säge zum Vater hinüberfahren. Dort hat sie der Sepp vom Wagen heruntergehoben. Sie haben ein bissl auf der Sag herumgeschaut. Ja, jetzt gehen sie heim. Der alte Weg ist damals etwas anders verlaufen als der heutige. Dort, wo der Weg über den Bach gegangen ist, haben die Buben allweil Steine in den Bach hinuntergekugelt. Der ältere wollte dann heimgehen, der jüngere, der Fritzl, ist ihm aber nicht mitgegangen. Er wollte weiter Steine ablassen. Da hat sich der Lois gedacht, jetzt geh ich ein Stück voraus. Wann er mich nicht mehr sieht, wird er schon nachkommen. Des war aber nicht so. Der Lois hat sich dann hingesetzt und auf den Fritzl gewartet. Weil der aber doch nicht gekommen ist, ging er wieder zurück, hat seinen Bruder aber nicht mehr gefunden. Der war „Lab und Stab“ verschwunden. Jetzt ist er dann heim, der Bub, und hat gesagt, dass er den Fritzl nicht mehr findet. Alle sind dann schnell suchen gegangen. Sie haben den Bach abgesucht bis hinunter zum Hintermühlner denn sie haben gedacht, der kunnt beim Steine ablassen ins Wasser gefallen sein. Nichts haben sie gefunden.

Dann sind sie den Weg hinaufgegangen Richtung Heutal. Sie haben gerufen, geschrien! Beim Reidherrgott und bei der Talbruck haben sie gesucht, der Bub war spurlos verschwunden. Nachdem hin und wieder Zigeuner und solche Leut‘ unterwegs waren, haben sie sogar vermutet, dass ihn vielleicht Fremde mitgenommen hätten. Im Juni, am 22. ist es gwesen. Da ist der Reit - jäger, so hat er geheißen, hinauf gegangen auf den Kühstein. Dort oben hat er den Buben gefunden. Der Bub muss den Heutalweg hinaufgegangen sein. Da wird ihm zum Bewusstsein gekommen sein, dass er sich hätt‘ abdrehen müssen. Er ist sicher die Holzfuhr, die vom Reidherrgott aufwärts geht, hinaufgegangen und ist dann ohne Weg und Steg immer weiter gekraxelt. Es gibt keine andere Möglichkeit denn rund um den Kühstein sind lauter steile Felswände. Diese hätte er unmöglich überwinden können. Als ihm die steil zur Perchtalm abfallende Kühsteinwand den Weg versperrte, ist der liegengeblieben. Dort hat ihn der Jäger auf einer Blumenwiese gefunden. Man kann sich kaum vorstellen, was der kleine Bub alles mitgemacht hat, bis er gestorben ist. Er ist an die 700 Höhenmeter aufwärts ge - kraxelt. Er war barfuss und hat bloß ein Kidei (Kittelchen, Hemd) anghabt.“

KURZ OBERHALB der Säge überqueren wir einen geheimnisvollen Bach. Einen ehemals sehr fleißigen Bach. Geheimnisvoll ist er, weil er eben oberhalb unseres Weges entspringt und wohl vom „Kessel“ im Heutal gespeist wird. Der „Kessel“ ist ein großes trichterförmiges Loch im Moorboden des Heutales in dem ein Bach ganz einfach verschwindet. Fleißig war der Bach, weil er bis zu seiner Mündung in die Unken beim Friedlwirt außer der Bauregger Säge noch mehrere Mühlen, ein kleines E-Werk und eine weitere Säge betrieb.

DIE NÄCHSTE große „Reid“ ist jetzt die Bau reggerreid. Hier zweigt der Sonnbergweg ab. Gleich oberhalb stand talseitig das schon erwähnte Mauthüttl. Jetzt wird die Aussicht immer schöner und wir kommen auf die Schneid, die Anhöhe beim Hausruck, einem ehemaligen Futterhof des Schneiderbauern im Gföll, mit Blick auf das Unkental und Kammerköhr. Ist Ihnen aufgefallen, dass ein richtiger Unkener immer mindestens zwei Namen hat? Einen, der im Pass steht und einen, den die Leute kennen. Logik hat damit nichts zu tun. Der Eggerbauer schreibt sich Wimmer, der Wimmerbauer Flatscher, der Flatscherbauer aber schreibt sich Leitinger. Der Ederbauer schreibt sich Fuchs, der Fuchsbauer schreibt sich Friedl. Der Geblbauer schreibt sich Bauregger, der Bauregger aber schreibt sich Hinterseer.

Männer definieren sich manchmal über ihre Frauen. So gab es den Gusti-Martin und den Erni-Martin. Gott hab’ sie beide selig! Oder man definiert sich über seine Herkunft: der Achei vom Achner, der Möschei vom Möschl. Oder durch seine Arbeit: der Sagei arbeitet im Sägewerk. Ist doch klar! Oder?

WENIG HÖHER kommt die dritte große Kurve mit einem alten Bildstock mit dem Gegeißelten: der „Reidherrgott“

Und gleich nach der Kurve sieht man zu jeder Jahreszeit Autos stehen. Das sind die Wanderer, die von hier aus zur Hochalm, auf das Peitingköpfl und auf das Sonntagshorn gehen. Es sind viele Enthusiasten dabei, im Winter vor allem viele, welche die Lifte meiden und lieber mit Fellen bergan wandern. Nicht um auf dem Sonntagshorn allein zu sein. Das gibt es nicht. Aber um unter Gleichgesinnten zu sein!

Der nach rechts abzweigende Alm- und Forstweg ist für den allgemeinen Verkehr gesperrt. Nur Forstbedienstete und Almbauern haben den Schlüssel zum Öffnen der Schranke.

Jetzt sind wir auf der Höhe der „Talbruck“ angekommen.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!