Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

1945 – „Was geschah am Ennsmann Wurf“

Aus jüngerer Zeit stammt die folgende Geschichte: Was geschah im Mai 1945 am Ennsmann Wurf ?*)

Die Ennsmann Maridi, Maria Reithner, erin - nert sich: Oberhalb des Ennsmannbauern am Gseng unterhalb der Ennsmann Grub befanden sich zwei Hütten, kaum Alm genannt, da klein und mit nur kargem Graswuchs an steilem Hang. Sie gehörten zum Ennsmannbauern und zum benachbarten Lummerhof. Der Weg dorthin war steil, die Hütten waren nur zu Fuß zu erreichen. Im Sommer weidete dort Jungvieh, das restliche Gras wurde als Heu im Winter mit Schlitten zu Tal gebracht.

1945 - Die Wehrmachtsberichte deuteten es erst nur an, später wurde es zur Gewissheit, die Front rückte immer näher, die Menschen hatten Angst und begannen sich in Sicherheit zu bringen „... bevor die Neger kommen.“ Diese Bezeichnung hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass französische Truppen unter General De Gaulle im Anmarsch auf Bad Reichenhall, genauer auf den Obersalzberg, waren. Die Soldaten kamen aus Nordafrika und erschienen der hiesigen Bevölkerung als schwarz. (Kinderspiel „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“) Nur einen einzigen guten schwarzen Mann kannte man bisher, den Kaspar, einen der Heiligen drei Könige.

Die Ennsmannbäuerin hatte fünf hübsche junge Töchter und beschloss, sie in der Hütte zu verstecken. Mühsam brachte sie eine Kuh auf den Berg und Lebensmittel. Schon früher hatte man einem Deserteur Schutz geboten . Er hatte die Heuhütte mit einer Kochstelle ausgerüstet und provisorisch bewohnbar gemacht. Als die Zeit immer gefährlicher wurde und sich unklare Meldungen über den nahen Zusammenbruch verbreiteten, zog sie mit ihren Kindern auf den Berg, nahm „die Doktor Mesi“ (Lieselotte Ludwiczek, Tochter des langjährigen Unkener Arztes Dr. Hans Haesele) und Pfarrer Franz Xaver Auer samt Monstranz mit. Die Monstranz wurde sofort vergraben.

Große Verwunderung - auf der Alm herrschte reges Treiben. Und das erklärte sich nachträglich wie folgt: Der Lummerbauer Max Dufter sen. belieferte seit langem den Obersalzberg mit Honig. Es ist inzwischen bekannt geworden, dass am Obersalzberg riesige Lebensmittellager angelegt waren. Honig war nahrhaft, lange lagerfähig und der Unkener Honig war immer schon besonders gut. Der Lummer Max brachte ganze Bienenvölker zur Blütezeit nach Unken und bekam dazu von den zuständigen Stellen auf dem Obersalzberg Zucker. Nicht immer haben die Bienen allen Zucker bekommen, sagt man.

Mit dem Fuhrwerk fuhr der Lummerbauer oft ins Berchtesgadener Land und aus dieser Zeit stammt wohl die Bekanntschaft mit Hitlers SS Wachmannschaft auf dem Obersalzberg. Auch für sie wurde die Zeit unsicher, man wusste nicht, welche Meldungen wahr oder falsch waren, wie lange würde das alles noch gut gehen. Auch sie suchten sich ein Versteck. Der Lummer bot ihnen eine abgelegene Hütte an. Mit einem Lastauto fuhren sie nach Unken, ließen den Wagen an der Saalach in der Maiau stehen, gingen am Lummerhof vorbei dem Gseng zu und trafen am Berg zu gegenseitiger Verunsicherung und Verwunderung auf die Ennsmannbäuerin und ihre Schützlinge.

Die Bäuerin und die Mädchen ließ man in Ruhe. Der Pfarrer aber wurde in der kleinen Kammer mit Hilfe von Stacheldraht regelrecht eingesperrt. Ein Eimer diente ihm als Toilette. Man schlief im Heu. Die weitere Geschichte mag etwas aus Dichtung und Wahrheit bestehen. Einer, der dabei war und heute noch Urlaub in Unken macht, er will über diese Zeit nicht reden.

Sind es vier oder 15 SS Wachleute gewesen? Haben sie Schätze mitgebracht und vergraben? War Göring’s Marschallstab, besetzt mit Edelsteinen, dabei? Oder waren es nur die eigenen Pistolen und Gewehre sowie Orden und Ehrenzeichen, die vergraben wurden? Sicher scheint, dass im Silo des Lummerbauern noch viele Jahre nach dem Zusammenbruch Lebensmittelvorräte, namentlich Schokolade in

Dosen lagerte. Man hatte wohl schon langfristig vorgesorgt. Größtes Bestreben der SS Männer war es, sich zivile Kleidung zu verschaffen und unterzutauchen bzw. ihre Familien zu suchen. Nach und nach wurde die Gruppe kleiner. Einer tarnte sich mit Hilfe eines Bauern als dessen Knecht und blieb noch eine Weile in Unken. Die letzten holte die amerikanische MP vom Berg. Nachdem das Kriegsende in Unken letztlich kurz und unspektakulär vor sich ging, zog auch die Ennsmannbäuerin bald wieder zu Tal.

Die Monstranz wurde wieder ausgegraben und steht heute noch in unserer Unkener Kirche. Übrigens haben nicht alle, die in diesen Tagen Waffen und Kostbarkeiten vergraben haben, diese auch wiedergefunden. Manchmal wurde gefunden, was andere vergraben hatten. Bei mancher abgelegenen Almhütte sieht man heute noch Gruben, die von Suchaktionen nach dem Krieg stammen.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!