Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

„Wenn diese Straße erzählen könnte...“

Ja, wenn die Straße da drüben erzählen könnte...... 

Die Straße auf der gegenüberliegenden Seite der Saalach könnte uns viel erzählen. Sie ist ein uralter Weg in das Gebirge hinein und über die Alpen bis nach Italien.

Um 1450 wird vom Saumhandel berichtet. Venezianische Kaufleute kauften im Salzburgischen Holz waren, Eisen und Felle. Sie brachten uns dafür Weine, Öl, Gewürze und kostbare Stoffe.

Schon früh entwickelte sich hier ein regelmäßiger Postverkehr. Der Erzbischof in Salzburg hatte seine berittenen Boten. Er war sozusagen gut bedient. Um 1500 entstanden aber in Europa mächtige Handelshäuser, allen voran die Fugger in Augsburg. Sie wurden durch einen eigenen Botenund Kurierdienst verbunden. Es entwic kelte sich langsam ein öffentlicher Postverkehr im Heiligen Römischen Reich, als die Familie Torriani - Tassis, später Thurn und Taxis, diese Aufgabe, schließlich das Monopolrecht, übernahm. Die Taxis richteten ein Relaisnetz ein, in dem die Stationen zum Boten- und Pferdewechsel 38 km auseinander lagen. Das Salzburger Fürsterzbistum war für sie vor allem ein Transitland auf dem schnellsten Weg von Wien nach Innsbruck.

Seit 1506 verkehrte auf dieser Straße bereits ein regelmäßiger Postverkehr. Der älteste erhaltene Poststundenpass von 1506 belegt ab Innsbruck als Zwischenstationen Wörgl, Schneizlreuth, Salzburg und weitere Orte bis nach Niederösterreich.

Eine erzbischöfliche Post gab es erst unter Wolf Dietrich im Jahre 1590, ein eigenes Postwesen im ganzen Erzstift erst unter Erzbischof Guidobald Thun im Jahre 1689. Häufig ritten Trup pen durch das Tal, zum Beispiel die Gildhassischen Soldaten 1639 während des 30jährigen Krieges oder die Barreitischen Dragoner 1703 während des Spanischen Erbfolgekrieges.

Im September 1665 ist hier Kaiser Leopold auf einer Huldigungsreise von Wien nach Innsbruck unterwegs gewesen. Ihn begleitete ein Gefolge von 750 Personen und 1017 Pferden.

Im Jahre 1699, nach dem Friedensschluss zwischen Kaiser Leopold I. und Sultan Mustafa II. am Ende der Türkenkriege kam Wilhelmine Amalie von Braunschweig Lüneburg, die Braut des Kaisersohnes König Josef, auf der Rückreise von Italien hier vorbei. Es wimmelte von Hofcavalieren, Domherren, Grafen und Oberstallmeistern und der Bischof von Chiemsee persönlich begleitete „die hohe Braut“ von der Tiroler Grenze bis Salzburg.

Eine Wallfahrt nach Kirchental gibt es schon seit 1688. Wallfahrten waren ein fester Bestandteil der barocken Fröm - migkeit. Die schlich te Kapelle mit der Marienstatue, die 200 Jahre lang in der Kirche von St. Martin gestanden hatte, wur de ersetzt durch eine prachtvolle Kirche, eingeweiht im Jahre 1701. In der ersten Zeit nach der Einweihung kamen jährlich bis zu 30.000 Pilger. (Im Jahre 1760 sollen es sogar 50.000 gewesen sein.) Ein Großteil von ihnen „wallte“ hier vorbei.

Die Pinzgauer gingen u.a. regelmäßig nach Altötting, nach Großgmain, Maria Eck, Maria Plain und in den Salzburger Dom. An die frommen Wanderer erinnert ein kleines Straßenheiligtum in einer vom Wasser vor Jahrtausenden ausgeschwemmten Halbhöhle im Felsen jenseits der Straße. Es liegt etwa einen Meter unterhalb des heutigen Straßenniveaus und zeigt das Bildnis der Muttergottes von Maria Kirchental und den Heiligen Antonius von Padua. Zwischen ihnen verläuft eine winzige Quelle, ein ganz kleiner Wasserlauf. Über ihnen sehen wir einen Kranz aus Rosen. Die Inschrift ist nicht mehr zu entziffern und bleibt vorerst ein Geheimnis. Der Heilige Antonius und sein Jesuskind haben keine Gesichter mehr, die der Restaurator auffrischen könnte. Von der ursprünglichen Malerei ist nichts mehr vorhanden, wohl aber mehrere, wohlgemeinte und nicht fachmännische Übermalungen. Man wird dem Heiligen Antonius wohl die Züge des Patrons des Antoniuskirchleins in Au geben. Er dürfte sowieso der künstlerische Pate gewesen sein.

Wir dürfen annehmen, dass dieses Straßenstück, immer vom Hochwasser bedroht, dem besonderen Schutz dieser Heiligen anvertraut wurde. Die Unkener, lange Zeit zur Pfarre St. Martin gehörig, mussten auf ihrem Kirchweg, zu Hochzeiten und Taufen, immer diese gefährliche Stelle passieren. Wir können die Stelle von hier aus nicht sehen. Vielleicht aber kommen Sie im Sommer einmal mit dem Fahrrad dort vorbei oder halten mit Ihrem Auto am nahen Parkplatz. (Im Winter ist die Höhle mit Brettern geschützt.)

1731 zogen hier die Palffyschen Reiter durch. Das waren die, die wahrscheinlich aus Unachtsamkeit beim Tabakrauchen im „Gumpinger Wirtshaus“, dermalen Metzgerwirt, einen Brand verursachten, der in Lofer riesigen Schaden anrichtete.

Ein trauriger Zug zog zwischen 1731 und 1732 hier vorbei. Protestanten wurden aus dem Land vertrieben. Unter anderen sollen es 646 aus dem Gerichte Saalfelden gewesen sein, 47 aus Zell am See, 167 aus der Rauris. Aus Unken ist bisher urkundlich niemand bekannt. Ihr Hab und Gut auf Pferdefuhrwerken, einige Tiere hinten dran gebunden, mussten in jenen Jahren mehr als 20.000 Salzburger ihre Heimat verlassen, weil der Erzbischof sie wegen ihres lutherischen Glaubens nicht duldete. So verlor Salzburg mit seinen damals etwa 200.000 Einwohnern fast ein Sechstel seiner Bevölkerung. Die ersten Emigranten, die armen „Unangesessenen“, zogen in die Reichsstädte Kaufbeuren, Kempten, Memmingen, Ulm und Augsburg, wo Religionsfreiheit herrschte und wo sie von Glaubensgenossen mit frommen Gebeten und Liedern empfangen wurden.

Auch Preußen, lange bevor unter Friedrich II. „jeder nach seiner facon selig werden konnte,“ hatte die Salzburger eingeladen. Mit diesen aufrechten, absehbar starken und arbeitsamen Bauern plante man das östliche Ostpreußen verstärkt zu besiedeln. Einige Salzburger zogen in die fernen Niederlande, einige sogar bis nach Amerika, wo sie sich in Georgia niederließen. Leopold Mozart mit seinem 13jährigen Sohn Wolferl ist auf dem Weg nach Italien hier mit der Kutsche vorbeigefahren und nächtigte am 13. Dezember 1769 in Lofer.

Ja, die Mozarts, die sind viel „auf Achse gewesen“, in der Kutsche unterwegs. Es wurde errechnet, dass Wolfgang Amadeus Mozart von seinen 35 Lebensjahren mehr als 10 Jahre lang unterwegs war. Seinem Vater schrieb er aus Paris: „Ohne reisen ist man wohl ein armseeliges geschöpf!“ Recht hat er! Kein Wunder, dass das Verhältnis zum Erz - bischof in Salzburg auch darum nicht besonders gut war. Vater Leopold Mozart und sein Sohn waren ja selten für ihn da. Michael Haydn, der sogenannte Salzburger Haydn, Bruder des großen Joseph Haydn, war der eigentliche Dom - kapellmeister jener Tage. Übrigens - wenn Ihnen jemand erzählt, Mozart wäre ein Österreicher, glauben Sie ihm nicht! Wolfgang Amadeus Mozart ist ein gebürtiger Salzburger und Salzburg ist viele Jahrhunderte lang ein eigenständiges Land innerhalb des Römisch – deutschen Reiches gewesen. Erst 1816, fünfundzwanzig Jahre nach Mozarts Tod, kam Salzburg endgültig zu Österreich.

Erzbischöfe bereisten mehrfach ihre Lande. Immer wieder mussten die hiesigen Schützen und Landvolk am Kniepass antreten, um hohen Herrschaften auf der Durchreise die Ehre zu erweisen.

Napoleon schließlich brachte Unruhe über ganz Europa und verschonte auch unser Tal nicht. Zwischen 1800 und 1809 kam es immer wieder zu heftigsten Kämpfen zwischen den gegen uns verbündeten Bayern und Franzosen und den einheimischen Freiheitskämpfern, verbündet mit den Tirolern. Es roch oft nach Pulver im Saalachtal.

Im Mai 1809 etwa, marschiert die feindliche Division Wrede mit mehr als 9ooo Mann und 20 Kanonen hier vorbei um den immer noch von den Tiroler Freiheitskämpfern gehaltenen Pass Strub zu stürmen. Mehr über diese Zeit auf einem anderen SPAZIERGANG.

Im Revolutionsjahr 1848 musste Kaiserin Maria Anna, die Frau von Kaiser Ferdinand, aus Wien fliehen. Bei heftigem Regen kehrte sie in Unken im Gast - hof Post ein. Die Frau des Postmeisters Mayr - gschwendtner lieh der kaiserlichen Majestät einen Wetterfleck für die Weiterreise nach Innsbruck. Als Dank bekam sie einen wert - vollen roten Glaspokal, den man heute noch im „Erlebnishotel zur Post“ sehen kann.

Kaiser Franz Josef reiste 1851 von Bregenz kommend durch Unken und übernachtete sogar im Gasthof Post.

Regen Verkehr gab es auch nach Italien. Die Mönche aus St. Zeno in Reichenhall wanderten zum Heiligen Zeno nach Verona. Salzburger Kleriker wanderten zum Papst, sogar der Baureggerbauer, der Flatscherbauer und der Unkener Pfarrer Wieser wanderten nach Rom. Sie hätten die Zypressen vor unserem Kirchturm mitgebracht, erzählt man.

Betrachtet man die Enge des Tales, so kann man sich gut vorstellen, dass aus den erstmals 1882 diskutierten Plänen, hier eine Eisenbahn zu bauen, nichts wurde.

Ja, wenn diese Straße erzählen könnte.......

Eine Eisentüre unter der Straße führt zu einer – für Kriegszeiten vorgesehenen – Sprengkammer. Stellen wir auch sie unter den Schutz der Muttergottes von Kirchental!

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!