Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Kinderlandverschickung oder „Wie der Peter aus Oberhausen ein Unkener wurde“

Der große Hof neben dem Holzlagerplatz, das ist der Falterbauer. An dieser Stelle möchte ich gern die Geschichte erzählen, die mir der Falter Peter selbst erzählt hat:

Kinderlandverschickung oder „Wie der Peter aus Oberhausen ein Unkener wurde“

Peter wurde am 19. 9. 1932 als ältestes von 6 Kindern in Oberhausen im Ruhrgebiet geboren. Die Zeiten waren schwierig für die Familie. Als im Jahre 1940 ein Rundschreiben vom Roten Kreuz kam und sich die Möglichkeit ergab, im Rahmen der Kinderlandverschickung für eine gewisse Zeit in eine vom Krieg noch nicht heimgesuchte Gegend auf’s Land zu kommen, fuhr der achtjährige Peter zum ersten Mal nach Unken.

Mit der Bahn kam er in Salzburg an. Was für eine weite Reise! Mitarbeiter des Roten Kreuzes brachten ihn zum Autobus nach Unken. Ein vollkommen unbekanntes Ziel. Beim Kramerwirt hat ihn jemand abgeholt und zu seiner neuen „Familie“ gebracht.

Das war der österreichische Förster Gasperl und seine Frau, die im Forsthaus in der Falterau wohnten. Sie waren kinderlos und hatten sich beim Roten Kreuz als Gastfamilie ge - meldet.

Der Förster ist in seiner Erinnerung heute noch eine sehr liebenswürdige Person, die ihm nie etwas zuleide getan hat. Schwieriger war das Auskommen mit seiner Frau, die kränklich war und das war wohl auch der Grund, warum es oft heftige Szenen gab. Peter ging in Unken zur Volksschule und bei der täglichen Läusesuche nach der Schule gab’s fast immer Schläge.

Peter lernte seine Umgebung kennen und genoss das Leben auf dem Lande, besonders auf dem nachbarlichen Hof des Falterbauern. Vom Auer, der Tischlerei Haider schließlich, blieb nicht unbeobachtet, dass der Bub fast täglich Schläge bekam.

Die Gemeinde wurde eingeschaltet und Peter lebte fortan beim Falterbauern, wo er von Josef und Maria Faistauer liebevoll aufgenommen wurde.

1941 fuhr Peter auf Wunsch seiner Mutter nach Oberhausen zurück. Gleich bei der Ankunft am Bahnhof in Oberhausen gab es Fliegeralarm und er musste sofort in den Luftschutzkeller.

Die Familie Rosenzweig war fünfmal ausgebombt, das heißt fünfmal musste die Mutter mit den kleinen Kindern weiterziehen, der Vater war im Feld, die Situation wurde unerträglich.

Peter erinnerte sich der freundlichen Falterleute in Unken: „Kannst immer wieder kommen“ hatte der Bauer bei seiner Abreise gesagt. Und 1942 hat er das alles nicht mehr ausgehalten und hat sich ganz allein von Oberhausen auf den Weg nach Unken gemacht. Nur die Oma wusste von seinem Plan und in Anbe - tracht der Lage hat sie ihn wohl auch gebilligt. Am Wochenende gab es kein Postauto nach Unken, Peter schlief am Bahnhof in Salzburg und, wieder mit Hilfe des Roten Kreuzes, schaffte er es, den Bus nach Unken zu nehmen. Geld hatte er keines...

Unvergesslich ist ihm heute noch die Begrü - ßung durch die Jaggn Kath: „Ja, jetzt kimmt der Bua wieda!“ Und ab da blieb er beim Falterbauern und Maria und Josef Faistauer wurden seine Zieh - eltern.

Seine Mutter wird nicht sehr glücklich gewesen sein, aber in dieser katastrophalen Zeit war es auch wieder von Vorteil, einen Esser weniger am Tisch zu haben. Und sie wusste wohl auch, dass Peter gern in Unken war und es ihm dort gut ging.

Nach Beendigung der Volksschule wurde er Knecht beim Bauern und, wenn auf dem Hof keine Arbeit für ihn da war, arbeitete er im Sägewerk Vitzthum, der „Schrempf Sag“. Seinen Monatslohn bekam der Falterbauer. Für ihn selber gab es davon 10 - Schilling. Aus dem Buben war ein junger Mann geworden. Ab Winter 1948 arbeitete er, wie fast alle Unkener, beim Bayerischen Forstamt als Holzknecht.

Akkordgeld, so war die Spielregel, gehörte dem Arbeiter ganz allein und brauchte nicht beim Bauern abgeliefert werden. Es waren 500.- Schillinge, die er sich erarbeitet hatte und in jeder freien Minute ging er in seine Kammer um den Schatz wieder und wieder zu zählen. Im Sommer, wurde wieder im Sägewerk ge - arbeitet. 1952 ging er vom Falterbauern weg. Er ist seiner Liebe begegnet. 1953 heiratete er Kathi Willberger und die beiden zogen ins Ennsmannhäusl. Groß war der Wunsch, nach den Jahren der Heimatlosigkeit, des Nirgendsganzdazugehö - rens, des Fremdseins, eine eigene Familie zu gründen. Jetzt hatte er seine Frau gefunden, jetzt wollte er ein Haus bauen. Ab 1954 arbeitete er fest beim Bayerischen Forstamt und um die notwendige Subvention für den Hausbau zu bekommen, musste er sich für 10 Jahre verpflichten und österreichischer Staatsbürger werden. Das war nicht einfach. Mit Hilfe vom „Gemeinde Mascht“, Martin Fuchs, Gemeindesekretär, und seinen vielen Ansuchen wurde das Problem schließlich gelöst und 1958 zog die Familie in das eigene Haus ein. Jetzt war Peter Rosenzweig endlich angekommen. Im Jahre 1956, sein Vater hatte Geld geschickt, fuhr er mit seiner Frau und Sohn Herbert noch einmal nach Oberhausen. Dreizehn bewegte Jahre waren vergangen. Die Bebelstraße war zerbombt, er konnte sein Haus nicht mehr finden.

Mit Kathi stieg er über Schutt und Bombentrichter. Sie war es, die den Mann auf dem Fahrrad zuerst erkannte, den sie bisher nur auf einem Photo gesehen hatte, Peter’s Vater. Die Familie lebte wirklich noch in dem alten Haus dessen Fassade zerstört war, das aber an der Rückseite noch halbwegs bewohnbar war. Er gehörte nicht mehr dahin, schon lange nicht mehr. Seine Geschwister kannten ihn gar nicht, Mutter und Vater waren ihm fremd. Peter Rosenzweig fuhr mit Frau und Sohn nach Unken zurück. Hier war er wirklich daheim. Er war ein Unkener geworden.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!