Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Forsthaus Kaltenbach

Das Kaltenbachhaus war einmal ein Bauernhaus und ursprünglich mit seiner Vorderfront nach Osten ausgerichtet. Nach einem Brand 1882 wurde es umgebaut in ein Wirtshaus. Das Dachgeschoss ist heute noch voll vertäfelt. Das war früher der Tanzboden. Die Räume darunter wurden bei Tanzveranstaltungen gestützt.

Im März 1926 wurde das Haus vom Bayerischen Forstamt gekauft als nach den ver - heerenden Windwürfen der Jahre 1925/1926 Wohnungen für zusätzliche Forstbeamte benötigt wurden, um die riesigen Holzmengen aufzuarbeiten. Mein Vater als Bayerischer Saalforst Beamter war dafür nach Unken versetzt worden und bezog hier seine Dienstwohnung. Im Erdgeschoss des Kaltenbachhauses bin ich aufgewachsen. Im ersten Stock wohnte die Försterfamilie Lehner mit den Kindern Heinz, Günter und Hans - Gerd. Mit diesem Haus verbinden sich für mich unzählige Erinnerungen. Es gab eine riesige Waschküche, große Holz - legen und einen Stall in dem wir Hühner, Hasen und Schafe hielten sowie ein Zuhäusel und einen Obst- und Gemüsegarten. In den Kriegsjahren war das für uns und nicht zuletzt für die bei uns untergebrachten Evakuierten aus Duisburg und Gelsenkirchen sehr hilfreich. Im Garten wurden vor Kriegsende in Blechdosen Silberbesteck und andere Wertgegenstände vergraben. Die Hausfrauen waren damals sehr einfallsreich. Wir haben Buch - eckern auf der Neuhauser Ötz gesammelt, aus Rüben wurde von Peter Hauser in der Mühle im Auloch Sirup gemacht. Karotten kamen in Sand, Eier in Wasserglas. Obst wurde gedörrt oder eingeweckt. Aus Polenta machte man alles einschließlich einem fast ungenießbaren Brot. Erbsen gab es immer. Gehungert haben wir nie.

Unken als kleines Dorf war während des Krieges aus der Sicht der Städter als ganz sicherer Ort angesehen und das zeigte sich ja auch daran, dass so manches wertvolle „Gut“ von Menschen aus der Stadt hier eingelagert wurde. Auch im Kaltenbach stand eine große hölzerne Kiste. So kam es auch, dass sich Soldaten im Feld in Gefahr den Rat gaben, in der Not hier Zuflucht zu finden. Vorausgesetzt, man kannte hier jemand. Wo sollten sie bei Kriegsende hingehen, wenn ihr Zuhause zerstört war und ihre Familie nicht aufzufinden? Als sich 1945 zwei Soldaten in unserem Haus meldeten und Grüße bestellten, wurden sie untergebracht und ihre Uniformen blau eingefärbt. Blau war die einzige verfügbare Farbe. Zivilkleidung zu bekommen war damals das allerwichtigste für Soldaten. Frauen im Dorf liehen den Männern vorübergehend Kleidung ihrer Männer, die im Krieg waren und kamen deshalb im Dorf ins Gerede. Einer der beiden Männer bekam Arbeit in der Küche von Schloss Oberrain bei den Amerikanern, die für die Sicherung der Grenze am Steinpass zuständig waren. Von dort konnte er „Abfälle“ für sich und die Versorgung seines Kameraden mitbringen. Besonders gut ging es allen, wenn die Amerikaner Wild aßen. Sie verwendeten nur Rücken, Schultern und Schlögel.... Bei Kriegsende mussten innerhalb kurzer Zeit 30 Häuser im Dorf für die Amerikaner frei gemacht werden. Besonders schwierig war diese Situation für die Bauern. Wer sein Vieh Anfang Mai schon im Heutal hatte, dem ging es besser als denen, die mit den Tieren noch auf dem Heimhof waren. Dazu gehörte der Fritzbauer und Romana Willberger, Fritz - Tochter und heute Alt Bäuerin auf dem Ennsmannhof, erinnert sich: „Der ‚Schieder Professor‘ (Prof. Mag. Josef Leitinger) konnte Englisch sprechen und half bei der Verständigung mit den Amerikanern.“ In einem Raum des Hauses wurden alle persönlichen Wertgegenstände zusammengetragen, auch die Kiste, die eine Wienerin bei ihnen eingelagert hatte. Der Raum wurde abgesperrt. Dann zog die Familie ins winzige Zuhäusl. Alle nicht beschlagnahmten Häuser waren vollkommen überfüllt. Zunächst hieß es, dies gelte nur für ein paar Tage. Daraus wurden dann aber mehrere Wochen. Zu den persönlichen Einschränkungen kam noch eine ganz unvorherzusehende Schwierigkeit. Das Vieh schrie im Stall und die Amerikaner mussten erst belehrt werden, dass es morgens und abends gemolken werden muss. Dabei durften die Hausleute nicht mehr in ihren Hof und es gab eine Ausgangssperre ab 19.00 Uhr. Man einigte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten, nicht nur sprachlicher Art. Und langsam verlor man auch die Angst vor dem „Schwarzen Mann“. Das, so erinnert sich Romana, waren die allernettesten Menschen. In alten Schriften ist ein zum Kaltenbachwirt gehöriger Eiskeller genannt. Das müsste das in den Berg hinein gebaute Zuhäusel gewesen sein. Im tiefen Untergeschoss jedenfalls lagerten die Kleider und Wollsachen, die für das Winterhilfswerk gesammelt worden waren. Was bei Kriegsende nicht weggeschafft war, verrottete dort und ein Fuchspelz machte uns immer Angst obwohl wir wussten, dass da kein lebendiges Tier drinnen steckte.

Der Schotterweg zwischen Uhrmacher Haider und Kaltenbachhaus war breit genug für ein Fuhrwerk. Es war knapp Platz für die Panzer mit denen die Amerikaner 1945 in dichten Staubwolken durch das Dorf donnerten. Mit dem Gartenschlauch hielten wir Kinder die Straße nass, wofür auch die Soldaten dankbar waren. Die Dorfstrasse wurde erst 1962 asphaltiert. 1976 wurde der Kaltenbachvorgarten und der Sitzplatz vor dem Haiderhaus wegen der Straßenverbreiterung abgetragen.

Dieses kleine Haus, das nur aus zwei Zimmern bestand, war einmal bewohnt von der Familie Wohlschlager. Sohn Josef wurde Priester. Seine Priminz 1932 wurde im Dorf mit einem großen Fest gefeiert. Während des Krieges wurde dort eine Nähstube für Soldatenunterwäsche eingerichtet. In einer sehr nachdenklichen Stille arbeiteten dort Frauen aus dem Dorf. Später lebte dort die Mutter der allseits beliebten Lehrerin Maria Trefny, die selber ein Zimmer im Uhrmacherhaus bewohnte. Bei dieser liebenswürdigen alten Dame möchte ich mich - zu spät - entschuldigen. Sie war eine fromme Frau und ging jeden Morgen zur Kirche. Bei unseren vergnügten abendlichen Schlittenfahrten über den Kirchbichl haben wir ihr im Winter das Leben wirklich schwer gemacht. Erich Swoboda, der später in Lofer ein Trachtenhaus eröffnete, begann hier sein Geschäft mit einer Schneiderei.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!