Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Das Marterl beim Fuchsbauern und der sagenumwobene Tatzelwurm

LINKS SEHEN WIR den Hof des Fuchsbauern. Der steinerne Freiheitskämpfer, das ist der alte Fuchsbauer. Die Obstgärten um diese alten Bauernhöfe verdienen ein paar nachdenkliche Gedanken. Die Nussbäume zum Beispiel, sie geben uns nicht nur Nüsse, sondern auch Schutz vor Motten. Wir brauchen keine Chemie einzusetzen wenn wir ein paar Zweige in den Schrank legen. Da sind die „Kriacherl“ Bäume. Kriacherl sehen aus wie große Kirschen, sind blau wie Zwetschken und schmecken wunderbar, eben wie Kriacherl. Und niemand hat mir je gesagt, ob es dafür einen hochdeutschen Namen gibt. Kriacherlschnaps, den müssen Sie kosten. Marillen gedeihen nur an ganz geschützten Hauswänden als Spalierobst. Pfirsiche gibt es gar nicht, das Klima ist zu rauh. Kirschen sind selten, Äpfel und Zwetschken gibt es reichlich und natürlich Birnen. Die kleinen Kletzen - birnen sind nicht zum sofortigen Verzehr be - stimmt. Die Bäuerinnen nutzten nach getaner Arbeit die Resthitze im Backofen oder im Waschhaus zum Dörren von Obst. Dörren, das ist eine der ganz alten Konservierungsmetho - den. Und dabei hing der Speck im Rauchfang. Zu Weihnachten wurde mit diesen Kletzen (oder Klotzen) dann das Kletzenbrot gemacht. Was heißt wurde, das macht man heute noch. Bloß sind die Waschhäuser und die Backhäuser nicht mehr in Betrieb aber im Sägewerk Vitztum im Auloch, wo auch Wärme genutzt werden kann, da kann man seine Früchte zum Dörren abgeben. Was so allgemein Früchtebrot heißt und sehr gut schmeckt, enthält viel Exotisches. Tatsächlich sind Feigen und Datteln heute billiger als die echten Kletzen. Jede Hausfrau hat ihr eigenes Rezept und auch das gleiche Rezept schmeckt aus jeder Küche anders. Und Kletzenbrot gehört bei uns zu Weihnachten wie Vanillekipferl und Stille Nacht.

Unterhalb des alten Fuchsbauernhofes steht stattlich der „Wildschütz“ der Familie Friedl, ein Gästehaus mit Ferienwohnungen und Brot - zeitstüberl, wo man Schlitten- und Kutsch - fahrten buchen kann.

Der Hausname bezieht sich auf den Jäger Hans Fuchs, der, so erzählt uns das Marterl vor dem Haus, im Jahre 1779 „im gachen (jähen) Schrecken“ starb, nachdem ihn Springwürmer, auch Tatzelwürmer genannt, auf dem Heimweg verfolgt haben. Auf dem Bild (das Original ist im „Haus der Natur“ in Salzburg) sehen diese Viecher ungefähr so aus, wie der Drache, mit dem es der Heilige Georg am rech - ten Seitenaltar unserer Dorfkirche zu tun hat. Drachen gibt es in vielen Mythen, wir haben den unseren. Der Name des unglücklichen Jägers hat mit dem Fuchsbauern möglicherweise nicht direkt zu tun. Der Fuchsbauer ist ein ganz alter Erbhof, auf dem seit 1690 der Name Friedl zu Hause ist. Vielleicht aber ist das bloß der Rufname gewesen.

Hans Fuchs sei dem Tatzelwurm beim Beerensuchen begegnet. Eine Version der Geschichte sagt, der Hans wäre aus dem Glemmerich bis ins Tal gelaufen, eine andere, er wäre aus dem Heutal gekommen. Jedenfalls hat er es bis nachhause ge - schafft, dem Tier davonzulaufen, brach aber vor seinem Hof zusammen. Das Kreuz auf dem Kopf des bereits am Boden liegenden Hans Fuchs auf dem Unkener Marterl bedeutet, dass er schon tot ist.

Der Tatzelwurm, dieses sagenhafte Wesen, bewegte früher und bewegt auch heute noch die Gemüter. Erzherzog Johann hat eine große Geldsumme als Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der einen Tatzelwurm, tot oder lebendig, beibringt.

Und das wird von ihm erzählt: Er heißt auch Springwurm, wegen der merkwürdigen Fortbewegungsweise oder Haselnuß - wurm, weil er häufig im Haselgebüsch anzu - tref fen ist. Hasel scheint sein bevorzugtes Futter zu sein. Er lebt außerdem von Beeren, Mäusen und Kastanien.

Bei Gefahr gibt er einen lauten Pfiff ab, der eine bis zu zehn Stunden andauernde Lähmung beim Menschen zur Folge hat. In Südtirol seien in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts viele Menschen dem Tatzelwurm begegnet. Frieda Runge, Tierbuchautorin, Frau des Forstverwalters im Gföll, bei der die (Uhrma - cher-) Haider Resi „Mädchen“ war, schreibt, dass noch zu ihrer Zeit, in den 30er Jahren, „zwei Tatzelwürmer im Glemmerich gehaust hätten.“

Das Aussehen des Tatzelwurmes wird unterschiedlich beschrieben. Die Beschreibungen variieren von einem kinderarmdicken Wurm von etwa einem halben Meter Länge bis zur großen drachenähnlichen Echse. Der Kopf sei niedlich, einem Katzen- oder Kinderkopf vergleichbar. Meist hat er nur zwei Vorderfüße, manchmal auch viele kleine Füße, ähnlich einem riesigen Tausendfüßler.

Die bisher gültige wissenschaftliche Erklärung stammt von Hofrat Dr. Dr. h.c. Eduard Paul

Tratz (gest.1977), einem berühmten Naturwissenschaftler, dem Salzburg das „Haus der Natur“ verdankt. Seine Meinung wird heute auch von Hofrat Arno Watteck vertreten. Er behauptet, Fischotter zogen, (es gibt ja bei uns keine mehr), wenn sie raunzig waren, die Bäche aufwärts bis zur Quelle und über den Berg, um jenseits den jeweiligen Bachlauf abwärts auf Nahrungssuche und auf Brautschau zu gehen. In dieser Zeit der Brunft verhielten sie sich merkwürdig, seien zutraulicher und gleichzeitig aggressiver als im „Normalzu - stand“. Die Raunzzeit der Fischotter liegt im Mai / Juni. So war also diese merkwürdige Erscheinung nur selten zu sehen, was umso mehr zur Sagenbildung beigetragen hat. Die alte Ennsmann bäuerin hätte am Gseng auch eine Begegnung mit einem Tatzelwurm gehabt. Dieser wäre dann wohl vom Steinbach in das Unkental unterwegs gewesen.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!