Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Kinderspiele in der Nachkriegszeit

Sie werden es mir nachsehen, dass diese Geschichten sehr persönlich geprägt sind. Wie sollte es auch anders sein!

Von allen Spielen, die uns damals so viel Freude machten, dass ich mich heute noch mit Vergnügen daran erinnere, ist heute immer noch eins zu beobachten: im Schnee auf dem Hosenboden vom Kreuzerist über die steile Moarwirtsleitn herunter zu rutschen, kleine Schanzen zu bauen und unermüdlich wieder nach oben zu kraxeln um ganz nahe an der alten Bahn im tiefen Schnee das gleiche noch einmal zu tun, bis der ganze Hang „abgerutscht“ war.

Ein weiteres Wintervergnügen ist schon lange nicht mehr möglich. Vom Kalvarienberg kommend verläuft heute noch ein Bach, der Kirchgraben, durch das Dorf. Unterhalb des Eggerbauern verschwindet er unter der Erde, folgt etwa dem heutige Straßenverlauf um etwas oberhalb der Brücke in die Saalach zu münden. Als der Kirchgraben noch ein ziemlich offener Bachlauf war und nur teilweise zubetoniert, da war das Wasser im Bachbett natürlich gefroren. Hinter dem Magazin vom Ortner, etwa dort, wo heute das Hauseck des ehemaligen A&O Geschäftes ist, ging unsere Fahrt mit dem Schlitten auf diesem Eis in einem stockfinsteren Kanal los. Sie endete erst, als wir am unteren Ende des Uhrmacher-Haider-Hauses wieder ans Tageslicht kamen. Das war schon eine Mutprobe denn es gibt da zwei Knicks in dieser Bahn und für eine Weile konnte man weder hinten noch vorne das Tageslicht sehen.

Unvorstellbar ist heute das abendliche Schlittenfahren über den Kirchbichl. Es gab ja kein Auto im Dorf und Fuhrwerke waren in der Dunkelheit nicht unterwegs. Die einzige Straßenbeleuchtung im Dorf war eine Lampe an der Ecke des Uhrmacher-Haider-Hauses, die heute noch dort ist aber keine Funktion mehr hat. Jedes Kind im Dorf hatte seinen Schlitten. Die Fahrt begann beim Leichenhaus, ging um die damals noch existierende Mayrwirtsgarage herum, den Kirchbichl hinunter und, je nach Zustand der Bahn, zwischen dem Kaltenbachhaus und dem nachmaligen Heldenfriedhof hinunter auf den Lagerplatz. Wir fuhren allein, zu mehreren, rückwärts sitzend, liegend, stehend und aneinandergehängt... Der Hit, wie man heute sagen würde, war unsere Emaille-Kehrschaufel. Plastik gab es ja noch nicht. Auf dieser sitzend wurde man schnell zum „Geschoss“.

Die Lampe am Haiderhaus muss ich noch einmal erwähnen. Bei Hochzeiten war es üblich, am Nachmittag „über die Gass“ zu gehen. Und auch nach dem offiziellen Teil einer Festveranstaltung traf man sich in veränderter Runde oft in einem anderen Wirtshaus. Das war damals nichts anderes als was wir heute mit pub hopping bezeichnen. Ein Zug durch die Lokale. Zwischen Kramerwirt und Mayrwirt war diese einsame Laterne oft der Ort für alkoholträchtigen nächtlichen Diskurs und gelegentliche Schlägerei. Meine Schwester Rike und ich haben uns nachts dann immer unsäglich gefürchtet.

Ein typisches Sommerspiel war das „Heiraten“. Jeder wollte gern die Braut sein. Mit einem alten Vorhang als Schleier - wir haben die Braut nie in Tracht „gespielt“ - fanden wir uns sehr schön. Unser kleiner Leiterwagen wurde mit Haselnusszweigen vom Flatscherzaun hinter dem Friseur Stoppacher geschmückt und ein quer gelegtes Schindlbrett diente dem Brautpaar als Sitz. War schon die Rolle des Bräutigams nicht allzu beliebt, war die Rolle der „Pferde“, die diesen Festwagen zu ziehen hatten, noch unbeliebter. Aber um nächstes Mal Braut sein zu dürfen, haben wir Mädchen das schon umschichtig in Kauf genommen. Neben dem Kranzen des Leiterwagens und dem Verkleiden war sowieso das Weisen der Höhepunkt des Spiels. Wie bei einer richtigen Bauernhochzeit wurde das Brautpaar beschenkt. Es gab je nach Jahreszeit Kastanien oder Kirschen, Äpfel, Tannenzapfen, Schneckenhäusl und ähnliches. Das hat uns viel Spaß gemacht.

Der große Lagerplatz auf dem Kaltenbachfeld mit seinen riesigen Prügelgantern und Holzstößen war der ideale Platz fürs „Ogein“. Bei diesem Spiel haben oft auch Erwachsene mitgespielt. Einer wurde auswählt und hielt sich die Augen zu während die anderen sich verstekkten. Er hatte an einem ausgemachten Holzstoß, einer zentralen Stelle, seine Position. „Eins zwei drei vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter meiner vorder meiner, links rechts güts net. Ich komme!“ Die Versteckten versuchten sich unbemerkt anzuschleichen und sich am Holzstoß frei zu schlagen. Der Aufpasser versuchte, wenn er einen Versteckten entdeckte, zuerst am Holzstoß zu sein. Dann hatte der verloren. Je mehr Versteckte noch fehlten, desto mehr entfernte sich der Aufpasser von seiner Position und desto größer wurde die Chance, sich frei schlagen zu können.

Tagelang konnten wir „Grenzspielen“. Dazu muss ich daran erinnern, dass es seit 1938 keine Grenze mehr zwischen Deutschland und Österreich gab. Anschluss hieß das, als Hitler Österreich „heim ins Reich holte“! Es war für mich ganz normal, dass meine Schwester Rike und ich mit den Eltern, als Vater im Krieg war mit Mama, am Sonntag nach Melleck wanderten, wo es immer ein Kracherl (Limo) gab. Wir spielten im Kies unter den Kastanien und im Salettl und gingen meist auch an den Waldrand hinauf „Zur schönen Aussicht“. Ja, und das war 1945 nach dem Ende des Krieges dann nicht mehr erlaubt. Es gab jetzt am Steinpass einen Schlagbaum, Zollbeamte und amerikanische Soldaten. Unverständlich für uns! Daraus entstand unser Spiel. Bevor das Haus Nr. 2a mit dem ehemaligen A&O Geschäft gebaut wurde stand an dieser Stelle das alte Waschhaus vom Kaltenbachwirt. Daneben stand das alte Waschhaus vom Ortner und das hölzerne Magazin, das zum Ortner Kramer gehörte. Wo heute noch ein schmaler Fußweg an der linken Hausseite besteht, verlief das „Ortnergassl“ Das war ein recht geschäftiger „Boulevard“ weil es damals nur drei kleine Geschäfte zum Einkaufen gab. Der Ortner war eines davon. Im Griesserhaus, dem ganz alten Pfarrhof, befand sich die Milchzentrale und auf dem halben Weg über den Ortnerbichl hatte der Schuster Wimmer seine Werkstatt und sein Geschäft mit einem Schaukasten. Zwischen das Magazin rechts und den Griesser- Gartenzaun links legten wir eine Latte. Damit war das eine Grenze! Mit Papierblättern aus dem Schreibtisch meines Vaters und den so vielseitig verwendbaren Büroschnürl, eigentlich zum Zusammenheften von Schriftstücken gedacht, falteten wir uns „Pässe“, erfanden wohlklingende Phantasienamen und schnitten aus der einzigen uns damals bekannten Frauenzeitung „Frau und Mutter“ besonders hübsche Köpfe aus. Das waren die Passbilder. Wir hatten alle einen Bubikopf! Das wichtigste bei dem Spiel war das Stempeln der Pässe. Wieder entlehnten wir aus dem Bestand des Bayerischen Forstamtes, nämlich aus dem Schreibtisch meines Vaters, Stempel und Stempelkissen. Wie hingebungsvoll haben wir gestempelt. Das Geräusch allein hat uns eine so amtliche Autorität verliehen, dass die Rolle des Zollbeamten die beliebteste in diesem Spiel war. Alle anderen, meist kleine Mütter mit Puppenwagen, überquerten die Grenze unermüdlich, Ortnergassl rauf und runter. Wir reisten ein und aus. Nur dann konnte gestempelt werden und das war doch die Gaudi... In der Rolle einer Amtsperson kamen wir uns sehr wichtig vor. Wahrscheinlich stand auf den Stempeln „Bayerisches Forstamt Unken“ das haben wir gar nicht beachtet. Woher kommt wohl die Lust daran, sich die Wichtigkeit einer Amtsperson auszuleihen und diese „typische Handbewegung“, in diesem Fall das Stempeln, mit größter Hingabe zu zele - brieren? Als der Krieg 1945 zu Ende war, gab es kurz - fristig eine Zeit für sehr kreative und vergäng - liche Kunst. Neben vielen Militärfahrzeugen, die überall im Tal herrenlos zurückblieben, entdeckten wir Kinder auf dem noch unverbauten Lagerplatz in dem Bereich des heutigen Eingangs zur Volksschule ein Lastauto mit Filmmaterial. Der stand gleich neben einem Küchenwagen der Wehrmacht, den wir aber nur kurz als Spielplatz benützten. Es verrotteten darin vor allem Kartoffel und der Gestank machte diesen Spielplatz schnell unattraktiv. Das Lastauto mit dem Filmmaterial aber war für uns sehr ergiebig. In den flachen Kartons zwischen schwarzem Seidenpapier lag hoch lichtempfindliches Papier. Wir belegten es mit Blumen, Blättern und Gräsern und warteten, bis sich das Papier in der Sonne verfärbte. Es entstanden wunderschöne Bilder die aber bald wieder verschwanden.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!