Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Die Haeseles

Das Doktorhaus 

Dieses Haus hat viel erlebt, viel gesehen und gehört. Es war ein Ort der Hilfe zu Dr. Aigners Zeiten, als Unken einen festansässigen Arzt bekam. So mancher Unkener ist in diesem Haus geboren. Darüber hinaus war es kulturelles Zentrum für Dichter, Philosophen und Künstler über viele Jahre zu Zeiten von Dr. Hans Haesele. Der berühmte Maler und Zeichner Alfred Kubin ging dort ein und aus als er zwischen 1932 und 1936 wochenlang auf der Post wohnte um Emmy Haesele nahe zu sein.

Haeseles führten eine Ehe ohne Lügen und ohne dem Partner eine Einschränkung zu sein. Mehr als einmal zog sich Hans Haesele in solchen Zeiten zum Billard Spiel nach Oberrain oder zu den Bräus nach Lofer zurück. Das Haus war auch ein Hort der Hitlerbegeisterung und des tiefsten, schwärzesten Karfreitags, an dem Emmy Haesele und ihre Tochter Lieselotte, genannt Mesi, erkennen mussten, dass alles, woran sie geglaubt hatten und wofür sie Mann, Vater und Sohn geopfert hatten, nicht mehr stimmte. Wie die Jünger unter dem Kreuz, konnten sie nicht fassen, dass es ein falscher Prophet gewesen sein soll...

Schließlich, als Dr. Hans Haesele auf dem Balkan vermisst, nicht mehr heimkam, sollte das Doktorhaus geräumt werden um einem neuen Arzt Platz zu machen. Zwei Witwen setzte man nicht auf die Straße, auch damals nicht. Die Ärztin Dr. Vielkind zog aus einer provisorischen Praxis beim „Miggl“ schließlich doch in das Doktorhaus ein. Mesi, hochbetagt, in Bad Leonding in Oberösterreich lebend, erzählte mir die anschließende Geschichte so: Es gab Unfrieden. Mutter Emmy, immer noch auf die Rückkehr ihres Mannes wartend, und der neuen Ärztin den Ort streitig machend, war mit Schusswaffen durchaus vertraut. Auch die neue Ärztin hatte eine Waffe. Das war nach dem Kriegsende nicht ungewöhnlich, wiewohl sehr gefährlich. Gemeinsam hat man sie im Stadel, im trockenen Boden unter den Sägespänen vergraben. Dort konnte frisch aufgegrabene Erde am wenigsten nachgewiesen werden. Es kam aber doch auf und nicht lange musste man raten, wer von den beiden Frauen die andere denunziert hatte. Emmy musste nach Salzburg ins Gefängnis. Während der Zeit ihrer Abwesenheit, so klagte sie, wären viele ihrer Wertsachen verschwunden. Sie lebte nach ihrer Entlassung droben beim Emat bevor sie aus Unken wegzog. Zwischen den Zeilen ihres Abschiedsbriefes klingt viel Bitterkeit, wenn man Hintergrundgeschichten kennt.

Dr. Hans Haesele

Diesem Menschen ein Denkmal zu setzen wäre mir persönlich ein Anliegen. Ähnlich unserem berühmten „Kaiserlehrer“ gehört er zu den besten und nobelsten Menschen, die in unserem Dorf gewirkt haben. Besser als die wenigen Unterlagen über ihn, die mir sonst zur Verfügung stehen, scheint mir ein Schriftstück zu sein, das ich nur mit großer Scheu verwende. Ferdinand Altnöder, Galerist in Salzburg, Sigmund Haffnergasse 3/1, ist der Verwalter des künstlerischen Nachlasses der Malerin Emmy Haesele. Ihm verdanke ich unter anderem ein Schriftstück, ein Fragment einer Gedenkschrift, das in ihren Unterlagen gefunden worden ist. Emmy Haesele hätte bestimmt noch daran gearbeitet. Wir lesen ihren Bericht mit dem Wissen um seine Unfertigkeit und in Respekt mit der Bitte um Nachsicht, dass wir das dennoch tun.

Emmy Haeseles Abschied von Unken im Herbst 1949

„Vor fast 30 Jahren, im Mai 1919, kamen wir hierher nach Unken, mein Mann und ich und unsere beiden kleinen Kinder. Ein schwerer Krieg lag hinter uns, an dem auch mein Mann die ganzen vier Jahre teilgenommen hatte. Unken hatte im Jahre 1915 seinen bewährten und tüchtigen Arzt Dr. Aigner verloren und musste viele Jahre der ärztlichen Hilfe entbehren. Und so waren beide Teile froh, sowohl wir, als auch die Gemeinde Unken. Die Kriegsjahre hatten ein Ende und Bürgermeister Ebser berief meinen Mann und stellte damit die ärztliche Betreuung der Bevölkerung sicher. Als ob es gestern gewesen wäre, weiß ich noch mit welch erwartungsvoller, freudiger Spannung wir an einem schönen Maitag, es war der 21. Mai 1919, im Wagen des Postwirtes Florian Mayrgschwendtner, von Reichenhall aus durch das Saalachtal hereinfuhren. Berger Toni, der damals Postknecht war, saß auf dem Kutschbock. Meine beiden Kinder im Arm, blickte ich voll glücklichen Staunens auf die Schönheit unserer neuen Heimat.

So friedlich lag dies Dörfchen da, eingebettet in den Kranz seiner Berge, durchzogen von dem Silberband der Saalach. Die unsagbare Schönheit dieses Anblickes bewegte mich tief und mit ganzem Herzen freute ich mich darauf, hier eine wahre Heimat zu finden. Mein Mann gelobte sich, seine ganze Arbeitskraft, sein ganzes Wissen und Können dem Wohle der Bevölkerung von Unken zu widmen. So mancher von Euch Unkenern wird am Anfang misstrauisch gewesen sein, ob dieser überaus junge Arzt seiner Aufgabe gewachsen sein werde. Aber es dauerte nicht lange, so verbreitete sich der Ruf seiner Tüchtigkeit und seines hohen Könnens. Und nicht nur dies, ein jeder fühlte, dass hier ein wahrhaft menschliches Herz in Hilfsbereitschaft und Liebe einem jeden einzelnen von Euch entgegenschlug.

Der große Wiener Arzt Prof. Theodor Billroth hat einmal diesen Ausspruch getan: „Ein guter Arzt muss vor allem ein guter Mensch sein.“ Wer hätte dieses Wort wahrhaftiger gelebt als mein Mann? Seine Opferbereitschaft kannte keine Grenzen und keine Schranken. Ob arm oder reich, jedem half er nach bestem Wissen und Gewissen. Weit hinaus über seine Pflicht lebte er im wahrsten Sinne des Wortes dem Wohl der Bevölkerung. Unser Herr Pfarrer weiß auch, wie er den Sterbenden beistand und es nie verabsäumte, ihnen den Trost der heiligen Kirche rechtzeitig angedeihen zu lassen. Es dauerte nicht lang, so kamen Groß und Klein, Alt und Jung nicht nur mit ihren körperlichen Schmerzen und Gebrechen zu ihm, nein, auch die seelischen und wirtschaftlichen Sorgen breiteten sie vor ihm aus und er tröstete, linderte und half, wo er konnte. So mancher bekam nicht nur ärztlichen Rat und Hilfe ungeachtet dessen, ob er bezahlen konnte. Obendrein bekam er noch seine tägliche Suppe. Unermüdlich machte er die weiten und beschwerlichen Wege. Ich als seine Frau weiß, wie er oftmals müde, abgespannt, durchnässt und durchfroren heimkam, sich die Schuhe auszog, sich hinsetzte um endlich ein wenig zu ruhen. Aber kaum war dies geschehen, kam wieder einer, ihn zu holen, in Nacht und Schneesturm, in Regen, Kälte und Hitze. Das war ganz gleich.

Er erhob sich von neuem und folgte dem Ruf dessen, der seiner Hilfe bedurfte. So manche Nacht wartete ich bangen Herzens auf seine Heimkehr. Doch oft erst im Morgengrauen kam er zurück, nicht um sich endlich ins Bett zu legen und dem müden Körper die wohlverdiente Ruhe zu gönnen, nein, schon füllte sich das Wartezimmer mit Kranken aus Nah und Fern und die Tagesarbeit begann von Neuem. Die wenigen freien Stunden, die ihm verblieben, verwendete er zum Aufbau des Rettungswesens, machte Sanitätskurse für die Holzarbeiter, bei deren gefahrvoller Arbeit nur allzu häufig Unfälle vorkamen. Dieses Wirken im Dienste der Öffentlichkeit wurde auch an höchster Stelle gewürdigt, denn im Mai 1933 wurde ihm vom Herrn Bundespräsidenten der Titel eines Medizinalrates verliehen. So vergingen Jahre in rastloser Arbeit. Unsere Kinder wuchsen heran, gingen hier in die Schule, spielten hier ihre fröhlichen Spiele in den Auen und Wäldern mit der Unkener Jugend. Sie waren verwurzelt und verwachsen mit dem Unkener Boden, mit seinen Bergen und Almen. Ich kann mit gutem Recht sagen: wir hatten hier eine wirkliche Heimat gefunden. Der Ruf des Dr. Haesele als außerordentlich begabter und gewissenhafter, ja, als genialer Arzt, breitete sich weit über die Grenzen unseres engen Tales aus. Aus Nah und Fern kamen die Kranken und oftmals wurde mir versichert, dass es selbst in Wien keinen so guten Arzt gäbe. Seine Diagnosen waren unfehlbar. Seine geschickten und zarten Hände waren bei chirurgischen Eingriffen unübertroffen und wer erinnerte sich nicht, wie blitzgeschwind er Zähne ziehen konnte. Was er als Geburtshelfer leistete, das wissen unsere Frauen und Mütter und unsere Hebammen. Einige Male wurden ihm vorteilhaftere Stellen angeboten aber ich höre ihn noch jetzt ablehnend sagen: „Nein, ich verlasse meine Unkener nicht. Hier bin ich zu Hause und die Unkener waren allezeit so nett zu mir. Das kann ich ihnen nicht antun, sie zu verlassen.“

Dann kam der Krieg. Aus heiterem Himmel senkte sich plötzlich diese unheilschwangere Wolke über das gesamte Abendland. Mein Mann und mein Sohn waren unter den ersten, die hinaus mussten an die Front. Mir blieb die Sorge die bei Tag und Nacht um das Leben meiner Liebsten bangte.

Die Hochzeit meiner lieben Tochter mit Dr. Kurt Ludwiczek, der Euch allen schon seit Jahren als der Lehrer meiner Kinder bekannt war, ist der einzige Lichtblick gewesen, der diese Zeit erhellte.

Doch bald kam die mich niederschmetternde Nachricht vom Heldentod unseres einzigen, hoffnungsvollen, vielgeliebten Sohnes.

Und dieser Schicksalsschlag hat so manchen von Euch Unkenern später auch getroffen. Unser Sohn war der erste von den hier aufgewachsenen jungen Söhnen, der in diesem Krieg draußen gefallen ist. Ihr wisst, was es heißt, einen Sohn zu verlieren! Dieser unerbittlich schwere Schlag hatte meinem Mann das Herz gebrochen. Nie mehr ist seine Lebensfreude seither wieder erwacht. Er hat seinen Dienst auf den Schlachtfeldern Europas weiterhin opferbereit wie eh und je getan. In Not und Tod hat er unzähligen Kameraden geholfen.

Mich selber zermürbte dieses ewige Warten, Hangen und Bangen zu Hause. So meldete ich mich an die Front, das Leben galt mir nichts mehr. Ein volles Jahr tat ich meinen Dienst als K5 wie jeder andere Flaksoldat am Scheinwerfer im rheinisch westfälischen Industriegebiet. Ich bin bei Tage und in einsamen Nachtstunden Wache gestanden mit der Waffe in der Hand. Ich weiß um die allnächtlichen Einflüge und Bombenabwürfe der feindlichen Flieger. Ich weiß, wie es ist, wenn plötzlich die Tiefflieger erscheinen und ihre tödlichen Maschinengewehrgarben über die Menschen ausstreuen. Bis die erschütternde Nachricht vom Heldentod meines Schwiegersohnes mich erreichte. Nun galt meine ganze Sorge meiner armen, verwitweten Tochter und ihrem kleinen verwaisten Söhnchen. Ich erbat meinen Abschied von der Truppe und eilte heim. Doch nach wenigen Wochen in der Heimat ereilte mich ein neuer und vielleicht der furchtbarste Schicksalsschlag: ich erhielt die Nachricht, dass mein innigstgeliebter Mann in Feindesland vermisst sei. Ich will Euch nicht schildern, welche Gefühle uns Hinterbliebenen von Vermissten erschüttern. Diejenigen, die das gleiche Schicksal mit mir teilen, wissen darum. Und dann kam das Ende des Krieges, der Zusammenbruch. Ihr alle wisst um die Ereignissee, die folgten und die auch mich und meine Tochter nicht verschonten, sondern im Gegenteil aufs schwerste trafen. An dieser Stelle möchte ich allen innigst danken, die uns in dieser bitteren Not nicht verlassen haben sondern tatkräftig ihre Hilfe anboten. In allererster Linie ist das Frau Helene Herbst, geb. Wohlschlager und deren Mann, Rupert Herbst. Sie haben in selbstloser Freundschaft und Liebe sich unseres gänzlich verlassenen kleinen Herbert angenommen. Ich werde ihnen das nie vergessen und ihnen zeitlebens zu Dank verpflichtet bleiben.

Aber auch Herrn Bürgermeister Haider, der bestrebt war, mein Hab und Gut vor Plünderungen zu schützen und zu bewahren, gebührt mein Dank, den ich hiermit aussprechen möchte. Liebe Unkener, meine Zeit hier ist abgelaufen, die Umstände zwingen mich, Euch und meine Heimat hier zu verlassen. Der Krieg ist seit 3 1/2 Jahren aus. Getreulich habe ich hier auf die Rückkehr meines Mannes gewartet. Vergebens! Um nicht gänzlicher Armut zu verfallen und vielleicht eine Last für die Gemeinde Unken zu werden, war ich gezwungen, das Verfahren der Todeserklärung für meinen Mann einzuleiten um vielleicht von der Landesregierung eine kleine Witwenpension zu erhalten. Euch allen sage ich ein herzliches „Lebewohl“. Allen meinen innigsten Dank, die uns hilfreich beigestanden haben. Mein Herz bleibt hier bei Euch, denn in Unken habe ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht und hier sind meine schönsten Hoffnungen begraben. Ich werde, so Gott will, jedes Jahr auf kurzen Besuch wiederkommen und so sage ich nicht nur Lebewohl und Dank sondern auch Auf Wiedersehen.“

Die Künstlerin Emmy Haese

Barbara Wally ist die profundeste Kennerin und Biographin der Künstlerin Emmy Haesele. Mit ihrer persönlichen Erlaubnis entnehme ich den folgenden Text, gekürzt, der Biographie der Künstlerin. Emmy Haesele war nicht nur eine für ihre Zeit außergewöhnliche Künstlerin, ihr Lebenslauf spiegelt auch eine Epoche bewegter Zeitgeschichte, unterbrochen von Katastrophen und schmerzhaften persönlichen Umbrüchen wider, die in ihrem Werk Niederschlag fanden. Emmy Haesele wurde am 8. Juli 1894 als zweites von vier Kindern des Wiener praktischen Arztes Dr. Leon Göhring und seiner Frau Bertha in Mödling geboren. Die Kinder genossen eine liberale Erziehung in einem großbürgerlichen Ambiente, künstlerische Neigungen der Kinder haben die Eltern stets gefördert. In ihren 1945 im Gefängnis in Salzburg ver - fassten „Lebenserinnerungen“ schildert Emmy Haesele ihre Kindheit dennoch als unglücklich. Schuldkomplexe, Einsamkeit und Fremdheitsgefühle gegenüber der eigenen Familie bedrück - ten sie. Ihr Leben war stets mehr von Vorstellungen, Träumen, Phantasien und Obsessionen geprägt als von äußeren Umständen.

Schon früh empfand sie sich als Außenseiterin und aufgrund ihrer aufwühlenden inneren Erlebnisse den Gleichaltrigen überlegen. Auch fühlte sie sich zu Tieren oft mehr hingezogen als zu Menschen. In der Jugend neigte sie zu extremen Kraftproben ihrer physischen und psychischen Fähigkeiten, Bergsteigen, extreme Klettertouren sowie Motorradfahren gehörten ebenso dazu wie philosophische Schriften, existenzielle Fragestellungen und Versuche, Träume zu deuten. Im Jahre 1916 heiratete sie ihren Jugendfreund, Dr. Hans Haesele, der wie sie selbst einer protestantischen Familie entstammte. 1917 und 1918, in den Wirren des Ersten Weltkriegs, wurden die beiden Kinder Heinz und Lieselotte geboren. 1919 übernahm Dr. Hans Haesele die Stelle eines Sprengelarztes in Unken. Während Haesele unter den damals noch sehr schwierigen Arbeitsbedingungen seine ärztliche Tätigkeit im Sprengel ausübte, führte Emmy Haesele im „Doktorhaus“ in Unken einen komplexen und arbeitsreichen Arzthaushalt. Beide wollten sich nicht mit der Abgeschiedenheit im Gebirge begnügen und versuchten, ihren kulturellen Neigungen weiterhin nachzugehen. Dazu gehörten Klavierabende, die Hans Haesele im Doktorhaus gab, eine ständig wachsende Bibliothek mit Belletristik, Kunstbänden sowie philosophischen und esoterischen Schriften. Intellektuelle Freunde wurden nach Unken zur Sommerfrische eingeladen. Mitte der 20er Jahre besuchten die Haeseles zweimal die „Schule der Weisheit“ von Hermann Graf Keyserling, in der philosophische Lehren in der Nachfolge der Theosophie Helene von Blavatskys vermittelt wurden. Die Haeseles frequentierten auch einmal wöchentlich einen intellektuellen Zirkel in Salzburg. Zu ihrem Freundeskreis zählten neben anderen der damalige Direktor des Salzburger Museums, Dr. Leisching, sowie der Münchner Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz.

Durch eine Anregung von O. A. H. Schmitz kam Emmy Haesele im Alter von 37 Jahren zum Zeichnen. Schmitz erzählte ihr von seinen eigenen Zeichenversuchen während einer Psychoanalyse bei C. G. Jung. Emmy Haesele war selbst begeisterte Jung-Anhängerin und fühlte sich durch Schmitz’‚ Bericht ermutigt, ihre Träume in Zeichnungen festzuhalten. Die ersten erhaltenen Arbeiten Emmy Haeseles aus den Jahren 1931 bis 1934 sind kleinformatige Farbstiftzeichnungen mit archetypischen Darstellungen. Nixenartige Frauenfiguren, Wasserlandschaften, Schlangen, monströse Wesen vermitteln in ihrer Farbsymbolik den Eindruck obsessiver Traumlandschaften. O. A. H. Schmitz vermittelte Emmy Haesele einen Termin bei seinem Schwager Alfred Kubin in Zwickledt. Aus der ersten Begegnung am 20. Mai 1932 entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die bis 1936 fortbestand. Kubin und Emmy Haesele unternahmen gemeinsam zwei Böhmerwald Reisen, sie besuchten sich gegenseitig in Unken und Zwickledt und standen bis 1952 in reger Korres - pondenz. Kubin bezeichnete Emmy Haesele in einigen seiner über 400 Briefe als sein „Z.u.W.“ (Zwillingsurweib), um der inneren Verwandtschaft, die sie verband, Ausdruck zu verleihen. Durch Kubin lernte Emmy Haesele die Tradition der dunklen, skurilen, magischen und phantastischen Zeichnung kennen. Sie konnte nicht nur Kubins eigene Blätter im Entstehungsprozess beobachten, sondern studierte mit ihm auch Zeichnungen und Illustrationen von Rops, Ensor, Munch, Daumier und Herzmanovsky Orlando. Während der Jahre mit Kubin zeichnete Emmy Haesele selbst sehr wenig, 1936 aber, nach dem abrupten Abbruch der Liebesbeziehung, entstand eine neue Serie von Arbeiten, in denen sich ein Stil- und Themenwandel im Vergleich zum Frühwerk vollzog. Emmy Haesele zeichnete von 1936 bis 1940 schwarzweiß mit der Tuschfeder, sie erarbeitete sich vielfältigere Ausdrucksformen der Strichführung, der Hell- Dunkel-Werte und der Strukturen mittels einer eigenständigen Schraffurtechnik. Die Bildmotive dieser Jahre sind düstere Darstellungen von psychischer und physischer Gewalt, die Schauplätze sind öde Felslandschaften Höhlen und Bunker. Die Zeichnungen dieser Schaffensphase erscheinen rückblickend wie eine Vorahnung der bevorstehenden Kriegskatastrophe. Sie verlor im Zweiten Weltkrieg nicht nur den einzigen Sohn, den Schwiegersohn und den Ehemann, sondern auch die Wohnung und den Großteil ihres Besitzes durch Plünderung. Nach Kriegsende war sie aufgrund einer Denunziation fast ein ganzes Jahr im Salzburger Gefängnis unter so elenden Bedingungen inhaftiert, dass sie schwer krank wurde. Zwischen 1940 und 1946 entstanden nur einige Gelegenheitszeichnungen. 1947, nach der Übersiedlung zu ihrer Schwester nach Bad Aussee, entschloss sie sich, das Zeichnen zu ihrem Beruf zu machen. In den Jahren 1947 bis 1979 schuf sie etwa 700 kolorierte Tuschfederzeichnungen, in denen sie eine eigenständige Zeichensprache erarbeitete und weiterentwickelte. Als Zeichengrund bevorzugte sie das Katasterpapier, auf dem auch Kubin vorzugsweise arbeitete. Meistens zeichnete sie nach Skizzen auf Transparentpapier, die sie dann mit reichen Schraffuren ausarbeitete und nachträglich meist in Blau, Braun, und Grüntönen kolorierte. Emmy Haeseles Bildwelt ist überaus komplex. Ihre Zeichnungen wirken angesichts der Fülle von Figuren und architektonischen Elementen auf den ersten Blick oft verwirrend. Zwar ist die Darstellungsweise stets gegenständlich, doch erscheinen ihre Szenerien wie aus einer anderen, erschreckenden Wirklichkeit, einer Welt der apokalyptischen Katastrophen. Schauplätze dieser Katastrophen sind Ruinenlandschaften, brennende mittelalterliche Städte, reißende Gewässer, kalte und trostlose Felsformationen oder groteske Bühnen und Arenen. Diese Schauplätze sind von vielen, oft zahllosen Menschen bevölkert. Ihr hastiges Treiben scheint keinen Sinn zu ergeben, sie irren ziellos und wie von einer höheren Macht gejagt in einer unbehausten (Unter-) Welt herum. Die Figuren, darunter viele Kinderdarstellungen, sind zwar individuell ausgearbeitet, doch scheinen sie alle das gleiche furchtbare Schicksal einer Vorhölle zu erleiden. Eine Figur aber scheint gegen den Strom der Getriebenen und Verdammten zu schwimmen; es ist die Gestalt des Harlekin, des Narren oder Eulenspiegel, die den Weg weist und Hoffnung verkündet. Im Narren sieht Emmy Haesele einen Weisen und Hoffnungsträger für die im Elend gefangene Menschheit. Auf fast jeder Zeichnung der Künstlerin finden sich Tierdarstellungen. Während der Harlekin oft von einem kleinen Vogel begleitet wird und verschiedenes Kleingetier menschlichen Wesen manchmal wie ein Attribut anhaftet, bildet in anderen Zeichnungen und diese zählen zu den eindrucksvollsten, eine monströse Tiergestalt das Hauptmotiv. Diese Tiermonster ob Drache, Raubfisch, Riesenvogel, Ratte, Schlange oder Ameisenbär symbolisieren die Bedrohung und Gefahren dieser Welt, sie stehen für Laster und Verführung, für Strafe und Rache. Emmy Haesele konvertierte 1950 zum Katholizismus. Ihre Konversion ist sicher als Folgewirkung des persönlichen Schicksals zu sehen, sie war jedoch kein unüberlegter und spontaner Schritt. Aufgewachsen in einem protestantischen Elternhaus, hatte sich Emmy Haesele im kulturellen Umfeld der 20er und 30er Jahre zu einer areligiösen und freigeistigen Frau entwickelt. Ihrer Konversion gingen religiöse Studien und ein tiefgreifender Persönlichkeitswandel voraus. Die Zeichnungen der 50er und 60er Jahre reflektieren die erlittenen persönlichen Schikksalsschläge noch aus einer alttestamentarischen Auffassung. Erst in ihrem Spätwerk der 70er Jahre fand Emmy Haesele zu einer christlich katholischen Sicht menschlicher Existenz. Charakteristisch für ihre Zeichnungen der letzten Schaffensjahre sind extreme Hochformate, die in drei Sphären Erdenleben, Fegefeuer und eine himmlische Sphäre gegliedert sind. Im Jahre 1956 übersiedelte Emmy Haesele von Bad Aussee nach Wien. Sie kehrte in ihr Elternhaus zurück, um ihre greise Mutter zu pflegen. Die häuslichen Pflichten schränkten ihre künstlerische Tätigkeit ein und sie klagte, dass sie viele Skizzen und Entwürfe aus Zeitmangel nicht mehr ausführen könne. Trotz aller Verpflichtungen schaffte sie es, in der Wiener Kunstszene Fuß zu fassen. Sie stellte mehrfach in Wiener Galerien aus, pflegte Kontakt zu Ernst Fuchs und polemisierte vehement gegen die Wiener Avantgarde um die Galerie nächst St. Stephan. 1979 zog sie zu ihrer Tochter nach Bad Leonfelden, wo sie 1987 nach einem Unfall starb.

Emmy Haesele hinterließ ihre Korrespondenz mit Kubin sowie ihre persönlichen Dokumente dem Kubin Archiv in München. Den künstlerischen Nachlass betreut die Galerie Altnöder in Salzburg, die mehrere Einzelausstellungen ihrer Werke veranstaltete und Publikationen initiierte.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!