Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

1945 – „Wie die Baureggerin die Amerikaner besiegt hat“

Noch eine Geschichte? Gern! Diesmal eine vom Sonnberg, aus dem Mai 1945, erzählt von Martin Hinterseer, Baureggerbauer und seiner Mutter, Gertraud Hinterseer, einer Friedlwirtstochter, die in Lofer im Altersheim lebt.

Wie die Baureggerbäuerin die Amerikaner besiegt hat.*)

Der Baureggerbauer hat – das war nicht ungewöhnlich – eine Almhütte an einen Städter verpachtet. Während des letzten Kriegsjahres fragte der an, ob ein paar Kisten vorübergehend eingelagert werden könnten. Aus Angst vor den Bomben in der Stadt. Man war menschlich mitfühlend und vor allem immer hilfsbereit. Ein paar Holzkisten – wie viele standen wohl in Kellern und auf Dachböden in Unken herum. Sommergäste, Verwandte und Freunde von Freunden von Freunden – in der Not erinnerte sich mancher, daß er jemand kannte, der jemand kannte in einem ganz abgelegenen Dorf. Ein paar Holzkisten wurden also in die hinterste Kammer gestellt und nicht weiter beachtet. Bei Kriegsende kamen die Amerikaner und durchsuchten jedes Haus. Bis in die hinterste Kammer. Schränke wurden aufgerissen, die Kisten auch. Und gleich obenauf lag ein Hitlerbuch mit Originalphotographien. Die Amerikaner wurden hektisch – der Bauer wurde gerufen und mußte sich zum Abtransport umziehen. Seine Versicherung, daß diese Kisten jemand anderem gehörten und man garnichts damit zu tun hatte, den Inhalt auch nicht kannte, also ganz unschuldig sei, sie nützte nichts. Sohn Martin hat die Szene vom Heuboden aus beobachtet. Er war noch ein Kind, sieben Jahre alt, verstand aber genau, daß es um dieses Buch mit den Photos ging. Unbemerkt schlich er sich in die Kammer und versteckte das Buch zwischen den Schindeln des Daches, dort, wo sie mehrfach übereinander lagen, der corpus delicti also weder von außen noch von innen gesehen werden konnte. Das unerklärliche Verschwinden des Buches machte die Situation nicht einfacher.

Die Baureggerbäuerin, hochschwanger mit Tochter Anneliese, hatte gerade ein Hühnernest auf der Rem ausgeleert und alle Eier in der Schürze. In ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit „beschoß“ sie den Jeep der Amerikaner mit frischen Eiern. Irgendwie muß das die Soldaten gerührt und beeindruckt haben, die hochschwangere, couragierte Frau, an einer Hand die kleine Gerti, an der anderen Hand den Martin. Die Amerikaner mit ihrem Jeep fuhren ab, der Bauer durfte bleiben.

Alle mit *) gekennzeichneten Textstellen sind auf Grund eines Mißverständnisses in der Unkener Ortschronik erschienen.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!