Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

1945 – Kriegsende im Heutal

1945
Die Heutal Moidi erinnert sich: Im Frühjahr 1945 wimmelt es vor lauter SS in den Unkener Bergen und im Heutal. Vier Fluchtwege, zu Fuß, gibt es von dort, man weiß ja nicht, was kommt! Über Winklmoos nach Seegatterl und über den Staubbachfall und durchs Fischbachtal nach Ruhpolding käme man nach Bayern, über die Moarlack ins Salzburgische Gföll und weiter nach Tirol, und über den Talberg, der eigentlich Heutalberg heißt, nach Unken. Die Geschichte mit der „Alpenfestung“, die viele in der Gegend von Hitlers Obersalzberg vermuten, die stimmt wohl doch nicht. Obwohl man weiß, dass jahrelang Stollen in den Berg getrieben worden und riesige Lebensmittellager vorhanden sind. Alle Militärgattungen sind jetzt im Tal vertreten, eine Hundestaffel aus Eisenärzt, viele Pferde. Bis zum Rausch ist die Straße ins Heutal vollkommen mit Autos verstopft. Der Schweizer Sender Radio Beromünster ist in Unken besonders gut zu empfangen. Aber ausländische Radiosender zu hören ist seit langem bei Todesstrafe verboten.

Beim Heutalwirt in der Gaststub’n, im Ahamer Stüberl, da sitzen sie alle um das einzige Radio im ganzen Tal. Sie sind von den Almen und Hütten gekommen, auf die sie sich wegen der herannahenden „Feinde“ zurückgezogen hatten. Trotz Ausgangssperre ab 2100 Uhr. Man sagt, Radio Beromünster hätte gemeldet, dass Unken noch verteidigt würde.

Mit höchster Aufmerksamkeit verfolgen sie die Meldungen über die Entwicklung „an der Front“, die scheinbar schon im Dorf ist. Es hat ja schon Gerüchte gegeben, dass die deutsche Wehrmacht vor dem Zusammenbruch stünde, aber man traut sich nicht, daran zu glauben. Soldaten erzählten, Himmler wäre auf Schloss Oberrain. Die Verunsicherung ist riesig. Plötzlich Lärm vor dem Haus. Die reden nicht deutsch. Das ist der Feind! Hart wird an die Türe geklopft. Moidi wird an die Türe geschickt. Es gibt keinen Fluchtweg, einem jungen Mädchen würde man vielleicht nichts tun, meinen die Erwachsenen... In der Türe steht ein amerikanischer Soldat, die Waffe im Anschlag. Moidi erinnert sich noch heute genau des ungeheueren Schreckens, der atemlosen Stille, der stummen Angst. Es ist doch verboten, Radio zu hören. Vollkommen unklar ist, wie der Soldat reagieren würde. Alle rechnen mehr mit der Möglichkeit, dass er schießt als mit jeder anderen. Da sind noch mehr Amerikaner, rauschige. Es ist nichts passiert.

In den nächsten Tagen überschlagen sich die Meldungen. Ist Himmler wirklich in Oberrain? Hunderte deutscher Militärfahrzeuge sind verlassen. Überall liegt Munition. Aber jetzt sind die Amerikaner da. Der Krieg ist aus! Aus zurückgelassenen Lebensmittelbeständen versorgt sich die Bevölkerung.

1946
Die aufregenden Wochen des Zusammenbruchs der Deutschen Wehrmacht sind vorbei. Die alten Grenzen von Österreich sollen wiederhergestellt werden. Die Amerikaner durchkämmen die Gegend, alle Hütten, alle Kaser.

Wehrmachtsangehörige vergraben ihre Waffen und versuchen vor allem, Zivilkleidung zu ergattern. In Hütten wird eingebrochen. Manchmal nur, um endlich wieder einmal ein Bett für eine Nacht oder ein Dach über dem Kopf für eine kurze Rast zu haben. Kleidung und Decken sind besonders begehrt Die Desorientierung ist immens. Das soll jetzt also aus allem geworden sein! Die Reden, die Hymnen, die Fahnen! Der Krieg ist aus. Jetzt muss sich der Soldat verstecken! Die „grüne Grenze“ zwischen Österreich und Deutschland wird gefährlich. Sie wird von den Amerikanern streng kontrolliert. Wieder macht die besondere geographische Lage des Heutals seine Anziehungskraft aus. Österreicher, die in Deutschland das Ende des Krieges erlebt hatten, wollen möglichst unauffällig heim. Deutsche, die den Zusammenbruch in Österreich erlebten, wollen genau so unauffällig auf die entgegengesetzte Seite.

Zaghaft beginnt im Heutal wieder ein wenig Fremdenverkehr. Eine schlechte Zeit! Wenig Verdienst für den Heutalwirt. Aber langsam kommen treue Stammgäste wieder. Der Bezirkshauptmann von Schärding und einige Wiener sind die ersten. Und weil jetzt nach dem Krieg die Grenze wieder da ist, wird der Ausschank am „Staab“ wieder aktiviert. Die Nische im Felsen bekommt einen neuen Verschlag. Der erste Gast, ein Stammgast aus alten Tagen, das ist der Rühl Jackl aus Traunstein, Freund von gespritztem Rotwein. Die Freude über das Wiedersehen ist groß! Der Jackl erzählt’s weiter und so läuft das Geschäft langsam wieder an.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!