Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Die „Gangsterbraut“ vom Heutal oder „Flamingos singen nicht“

DER ALTE WEG führte am Latschenfeld im Moor entlang, das, so sagt man, durch eine Windlawine vor langer Zeit von der Wild - alm herüber geweht worden sei.

WIR FAHREN weiter. Rechts führt eine Straße in Richtung Sonntagshorn, vorbei am ehema ligen Zollhüttl zum Talbauern, (Heutal bauern). Hier finden Bergsteiger noch einmal einen Parkplatz. Sie merken schon, parken im Heutal ist nicht einfach!

Nicht weit vom Hof des Talbauern steht die Hütte, zu der es eine sehr ungewöhnliche Geschichte gibt. Viele Unkener erinnern sich noch an die „Gangsterbraut“ vom Heutal. Die Erzählungen über sie sind unterschiedlich, manchmal widersprüchlich. Haben Sie amerikanische Freunde, fragen Sie nach Virginia Hill, es kennt sie in USA jeder! Die folgende Geschichte basiert auf Ferry Hirschmanns Fortsetzungsbericht in „Die Bunte“ von 1976:

„Flamingo“ nannten Amerikas mächtigste Gangsterbosse zärtlich Virginia Hill, ein Indianerhalbblut aus Alabama. Sie überschütteten ihre Favoritin mit Geld, schenkten ihr Nerze und Brillanten. Doch als Virginia den Salzburger Skiweltmeister Hans Hauser geheiratet hatte und später in einer Hütte im Heutal in Unken ihre Lebensgeschichte aufschrieb, bahnte sich hier 1962 eine Tragödie an.

„Flamingos singen nicht“.

Virginia Hill, eine schöne, dunkelhaarige, junge Frau ist ein lebenslustiger, ziemlich skrupelloser und „bunter Vogel“ in Amerikas Unterwelt. Nat Coiner, der Finanzchef der Mafia heuert sie für das Verbrechersyndikat an. Sie ist die Geliebte vieler dunkler „Ehrenmänner“ und arbeitet als Rauschgiftschmugglerin. Geschmuggelt wird, hauptsächlich über die mexikanische Grenze, Heroin, Kokain, Marihuana und Gold. Auch Alkoholschmuggel ist sehr lukrativ während der Prohibition, der Zeit des strengen Verbotes von Herstellung und Handel mit Alkohol in den USA bis 1933. Nat Coiner ist mit „Ginnys“ Diensten sehr zufrieden. Er beschließt, sie nach Hollywood zu bringen, ein sehr interessantes Pflaster für die Mafia. Sie bewohnt die Prachtvilla von Rudolf Valentino, feiert die wildesten Parties. Pelze, Juwelen, Luxusautos, Dienerschaft, alles was das Dolce Vita ausmacht, sie hat es im Überfluss und bewegt sich, ausgestattet mit nie versiegenden Dollars auf höchstem gesellschaftlichem Parkett zusammen mit den Niarchos, Onassis, Agnellis, Liz Taylor, Porfirio Rubirosa, Yul Brynner, Frank Sinatra und der ganzen High Society der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Wo sich die große Welt trifft, ist die Halbwelt meist auch dabei! Acapulco, Mexico City, New York, Chicago... Durch ihre unbefangene Art wird sie nie wirklich als gerissene Gangsterbraut erkannt oder aber kann sich immer wieder naiv als unschuldig herausreden. Virginia hat eine Schwäche für die gefährlichsten Gangster jener Tage: Al Capone, Lucky Luciano, Benjamin Siegel, Meyer Lansky, Joe Adonis, Joe Costello und Salvatore Maranzano mit ihren Gangs. Kein Wunder, dass sie irgendwann ein Geheimnisträger der Cosa Nostra wird. Damit ist sie ein Risiko für die Mafia geworden und weiß natürlich um das ungeschriebene Gesetz der Omertá, der absoluten Verschwiegenheit. Sie erlebt mit, wie unsicher gewordene Mitglieder der „Ehrenwerten Gesellschaft“ liquidiert werden. Sie weiß, dass sie für immer gefangen ist. Sie macht weiter, wechselt ihre Männer und Villen und kommt von der Szene nicht los. Ihr neuer Freier Ben „Bugsy“ Siegel hat den Traum einer Stadt in der Wüste. Las Vegas! 1946 wird das Luxushotel „Flamingo“ eröffnet, es trägt „Ginnys“ Kosenamen.

Dort hält Virginia Hof und spielt die Rolle einer Pompadour der Unterwelt. In diesen Tagen beginnt Virginia als Komplizin von Siegel heimlich große Dollarsummen auf ein Schweizer Nummernkonto zu transferieren. Dieses, allein schon das Wissen darum, gefährdet sie endgültig und für immer. Bei Besprechungen im Casino von Havanna, wo gerade ein Comeback von Diktator Batista vorbereitet wird, hat die Cosa Nostra Ben „Bugsy“ Siegel darum zum Tode verurteilt. Virginia nimmt Schlaftabletten und wird gerettet. Ben ist nicht zu retten, er wird den Aufstieg der größten Spielhölle der Welt in der Wüste Nevada nicht mehr erleben. Virginia flieht nach Europa. Das Geld für ihren aufwendigen Lebenswandel fehlt, sie geht zurück zu ihren Geldgebern und arbeitet weiter, diesmal von Mexico aus. Sie lebt zwischen mittelamerikanischen Diplomaten und den Opiumkochern von Tijuana ein wildes und verrücktes Leben. Ihr alter Freund Nat Coiner schickt sie schließlich 1950 in das mondaine Sun Valley. Dort lernt Virginia Hans Hauser, einen jungen Schilehrer aus Salzburg kennen. Hans ist so ganz anders als alle Männer, die sie bisher kannte. Sie verliebt sich, will ihr Leben ändern. Hans Hauser erzählt von seinem Bruder Max, dem Schulweg von der Zistelam am Gaisberg nach Salzburg, von ihren Schitouren am Sonntagshorn in Unken, von Siegen in Badgastein, St. Johann und Cortina. Seine größten Erfolge hatte er 1933 erreicht. Am Glungötzer bei Innsbruck war er Weltmeister im Abfahrtslauf geworden. Virginia und Hans heiraten und sind glücklich. Sie erwarten ein Kind. Aber die Mafia reagiert auf den Fremdling brutal. Bisher spielten sich „Ginnys“ Affairen immer im Gangsterkreis ab, innerhalb der eigenen Reihen sozusagen. Man beginnt sie zu verfolgen. Das junge Paar zieht durch die Lande von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel. Unter falschem Namen bringt Virginia im November 1950 Peter Jackson zur Welt. Mit Einverständnis ihres alten Gönners Nat Coiner kann Hans Hauser schließlich in Spokane in den Rocky Mountains eine Skischule einrichten. Geldgeber bleibt die Mafia, Virginia muss immer wieder auf Abruf zu Gegenleistungen bereit sein. Der großangelegte Kefauver-Prozess in New York gegen das organisierte Verbrechen bringt in den Jahren 1950/1951 viele hundert Zeugen vor Gericht. Virginia steigt im Waldorf Astoria Hotel ab und erklärt vor Gericht überzeugend: „I am the best goddam lay in the country“ womit sie zugibt, das größte Gangsterflittchen zu sein aber nichts zu wissen. Man glaubte ihr beides! Als einstige Favoritin von Bugsy Siegel, weil bei der Mafia sonst nie eine Frau in Erscheinung trat und wegen ihres blendenden Aussehens kommt sie wieder einmal in alle Schlagzeilen. Jetzt wird ihr Leben immer mehr zur Flucht. Hans Hauser will in Squaw Valley als Schilehrer arbeiten und ein normales Leben mit einer normalen Familie führen. Die Medien lassen das nicht zu. Das Finanzamt ist hinter ihr her, sie müssen Haus und Wertgegenstände versteigern. Hans und Peter reisen nach Chile, bestochene Zöllner lassen Virginia nachts über die mexikanische Grenze, im November 1951 ist die Familie wieder beisammen. Im Mai 1952 kommt die Familie Hauser mit 35 Stück Gepäck in Genua an. Zurück in Salzburg wohnt sie zuerst im Maria Theresien Schlößl.

Da gibt es unerwartete Schwierigkeiten. Nicht mit der alten Hausermutter auf der Zistel sondern, weil die amerikanischen Besatzungssoldaten sie erkennen und eine richtige Treibjagd auf sie veranstalten. Man flüchtet wieder einmal, diesmal nach Klosters zum Wintersport, später nach Spanien. Beinahe war ihr Leben normal geworden, da taucht Nat Coiner auf und nimmt sie für eine Weile mit. Hans Hauser ist verzweifelt. Als Virginia zurückkommt hat sie mehr Geld als je zuvor und feiert in Klosters Parties wie früher in Hollywood und die ganze High Society, Adel, Filmstars und Wirtschaftsmagnaten, ist bei ihr zu Gast. Hans Hauser kennt diese Welt aus der Zeit, in der ihn als blendend aussehenden Weltmeister Filmstars und Millionärstöchter umschwärmten. Er weiß von den Verstrickungen seiner Frau und auch, woher das Geld kommt, von dem sie leben. Es gibt Streit. Virginia reist nach Italien. Die italienischen Mafiosi waren in den Fünfziger Jahren aus den USA nach Italien ausgewiesen worden. Nat Coiner droht ihr mit Geldentzug. Die Überweisungen werden spärlicher. Sohn Peter ist inzwischen im Internat in Montreux. Hans findet keine Arbeit. Das Familienglück wird morsch. 1962 geht Virginia wieder mit Nat Coiner auf Reisen. In Tokio beginnt ein ernster, endgültiger Streit. 1964 hören die Überweisungen fast ganz auf. Langeweile und Armut kommen. Sie muss zur Familie ihres Mannes nach Salzburg zurück. Die Besatzungstruppen sind fort. Man wohnt in der Gabelsberger Straße 25. Mit kleinen Festen sucht Virginia immer wieder ein Stück Glanz aus der Vergangenheit in ihr jetziges Leben zu retten. Ihr Vertrauter ist Franz, der Hausknecht von der Zistel. Da macht Virginia einen großen Fehler. Sie lässt Coiner wissen, dass sie, sollte er die Geldsendungen endgültig einstellen, gezwungen sein würde, mit der Herausgabe ihrer Memoiren Geld zu verdienen. Schon ist Coiner im Österreichischen Hof in Salzburg. Der Chefportier Smutje ruft warnend auf der Zistel an und Hausers haben gerade noch Zeit, in die abgelegene Berghütte von Bruder Max im Heutal bei Unken zu flüchten

Während der folgenden zwei Jahre schreibt Virginia im Heutal ihre Lebensgeschichte auf. Dann kommen ihr Zweifel. Sie taucht wieder auf und beschließt, erneut ins Rauschgiftgeschäft einzusteigen. 1966 übersiedelt sie aus ihrer Wohnung in Salzburg in die einfache „Pension Eibl“ in der Vogelweiderstraße 90. Hans wohnt bei seinem Bruder auf der Zistel. Virginia ist jetzt 49 Jahre alt, das süße Leben zeigt erste Spuren in ihrem Gesicht. Sorgen macht auch Sohn Peter. Nach kurzer Zeit als Liftboy im Österreichischen Hof wird er gefeuert. Es scheint, er hätte das verantwortungs lose und leichte Blut seiner Mutter geerbt. Anruf in der Pension Eibl: Coiner ist wieder in Salzburg! Ein dramatisches Treffen: er droht, Hans und Peter töten zu lassen wenn sie sich nicht selber tötet und überreicht ihr ein Röhrchen. In Mafiakreisen muss es als großes Privileg angesehen werden, wenn man sich selber töten darf und nicht einfach abgeknallt wird. Virginia weiß, jetzt ist es ernst. Sie bittet ihren Mann, die nächste Nacht bei ihr zu bleiben. Am 22. März 1966 wird sie in der Getreidegasse, auf dem Alten Markt, am Residenzbrunnen gesehen. Sie nimmt Abschied. Nachmittags treffen sich Hausers im Gasthof „Zur schönen Aussicht“ auf dem Heuberg. Die Gespräche drehen sich um die Weiterbildung von Sohn Peter. Am frühen Abend trennen sich Hans und Virginia. Sie möchte zu Fuß in die Stadt hinunter - gehen. Zwei Tage danach wird ihre Leiche am Gaisberg unter einem Strauch gefunden. Ihrem Wunsch entsprechend wird sie verbrannt. Vier Jahre nach Virginias Tod heiratet Hans eine erfolgreiche Salzburger Geschäftsfrau. Endlich scheint ein normales Leben möglich zu sein.

Italiener tauchen auf. Hans versucht die Aufzeichnungen seiner Frau zu Geld zu machen. Sie glauben, dass er ihnen nur einen Teil des Tagebuches gibt. Merkwürdige Dinge passieren. Acht Jahre nach Virginias Tod wird Hans Hauser erhängt aufgefunden. An Selbstmord glaubt niemand. Hans wird im Hausergrab auf dem Friedhof von Aigen bei Salzburg beerdigt. Dort ist auch Virginias Urne beigesetzt.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!