Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Berta Jury – 35 Sommer als Sennin auf der Wildalm

Berta Jury ist am 29. August 1928 beim Schmiedererbauern im Gföll geboren. Das Leben auf einem Gföller Bauernhof war unendlich karg. 13 Leute saßen bei Tisch. Gekauft wurde nur Mehl, Germ, ganz wenig Zucker, Salz und Knödelbrot. Sonst lebte man ausschließlich von Milch, Käse und den wenigen Produkten, die der steile Boden hergab. Es wurde selbst gesponnen und gestrickt. Die Mutter sagte wohl manches Mal: ich würde ja flicken aber ich habe keinen Fleck. Einmal im Jahr wurde ein Schwein geschlachtet, es gab nur eins. Geld hatte niemand. In der schlechten Zeit vor dem Krieg hat man mehr als einmal die Butterkugel aus dem Dorf wieder heimgetragen, weil sie niemand kaufen konnte. Kam der Winter früh, begann die Holzarbeit bei den Bayerischen Saalforsten schon im November, dann gab es den ersten Zahltag noch vor Weihnachten. Aber auf dem Kirchplatz beim Mayrwirt, wanderte das Geld gleich wieder in die nächste Hand. Beim Schiederkramer hatte man anschreiben lassen, vielleicht auch beim Schuster Wimmer oder beim Wohlschlager... 1947 ging Berta als Neunzehnjährige zum ersten Mal als Sennin auf die Alm. Sie hatte 10 Kühe und 6 Kälber zu versorgen. Wenn Berta Hilfe brauchte, wenn etwa eine Kuh kalbte, dann halfen ihr der Geistler Vater und die älteren Senninnen. Die Hütte war zugig, überall pfiff der Wind durch. Geheizt wurde am offenen Herd. Petroleumlicht. Alle Arbeiten konnte sie selbständig verrichten. Sogar beim jährlichen Reparieren der Zäune half sie ihrem großen Bruder. Das war wirklich Männerarbeit. Ein Hof wie der Schmiederer im Gföll hatte 5 km Zaun zu erhalten. Die schwerste Arbeit aber war das Mist ausbringen. Wie überall im Heutal, wurde auch auf der Wildalm der frische Kuhmist in Holzkisten zu Schollen geformt. Es gab ja auf der Alm kein Streu, so war es der reine Dung, den man später, getrocknet, auf die Wiesen brachte. Jede Almhütte hatte einen Einfang. Eingezäunt, damit weder das Vieh noch das Wild grasen konnte. Dieses kleine Feld wurde gedüngt und gemäht für einen kleinen Heuvorrat. Zweimal pro Woche ging Berta mit Butter und Käse auf dem Rücken heim im Gföll. Und mit Brot ging sie zurück zu ihren Tieren. Im Stall war es sowieso immer am wärmsten. Ein Weg nachhause ist ihr besonders unvergesslich. Ihr Kind wollte früher als vorgesehen auf die Welt kommen. So ging sie nachts in Wehen über eine Stunde lang von der Alm heim ins Gföll, wo eine halbe Stunde später ihr Sohn geboren wurde. Später bekam Berta noch eine Tochter. Wie alle Gföller Almleute zog auch sie im Frühjahr zuerst zum Futterhof, später auf die Gföller Mahder, dann auf die Wielandsseiten Alm und schließlich auf die Wildalm. Während der Abwesenheit der Tiere wurde jeweils Heu gemacht und im Herbst kehrte Berta mit ihrer kleinen Herde über mehrere Stationen wieder zurück zum Heimhof, dann war Weihnachten. 1975 ging sie zum ersten Mal in Stellung. Noch nie hatte sie Geld verdient. Jetzt konnte sie selbst die Krankenkasse zahlen. Sieben Winter lang arbeitete sie auf der Traunsteiner Hütte im bayerischen Winklmoos. Mit 47 Jahren konnte sie zum ersten Mal ein bisschen Geld sparen. Im Sommer war Berta wieder auf der Alm. Sie liebte ihre Eigenständigkeit und Freiheit und diese Vorliebe hat sie sich bis heute erhalten.

1982 ging Berta nach einem arbeitsreichen Leben in Rente. 1984 bekam sie im Unkener Gemeindehaus eine Wohnung. Etwas von ihrer Freiheitsliebe scheint durch, wenn sie vom Hoa gascht beim „Wildschütz“ erzählt, der monatlich vom Seniorenbund veranstaltet wird. Da geht sie gern hin. Sie könnte auch zu einer wöchentlichen Veranstaltung für ältere Menschen gehen, die ebenfalls sehr beliebt ist. Nein, so sehr möchte sie sich gar nicht festlegen! Große Freude hat Berta an ihren beiden Kindern und den Enkelkindern. Sie genießt ihre kleine gemütliche Wohnung und freut sich dankbar darüber, dass sie immer noch unabhängig und eigenständig leben kann. Frei, wie auf der Alm, aber heute in einer warmen Stube und abgesichert durch eine ehrlich verdiente Rente.

Dort, wo Sie jetzt vielleicht wandern werden, den vielen Amnregungen nachgehen, wäre dies vor ein paar Jahrhunderten noch sehr gefährlich gewesen. Im 17. Jahrhundert, so wird berichtet, waren die Hochalm und die Wildalm so verwachsen, dass bei hellichtem Tag Bären, Luchse und Wölfe das Wild und das Weidevieh gerissen haben. Diese Zeiten sind vorbei. Heute finden wir in unserem Heutal Ruhe und Erhohlung. Und so soll es bleiben!

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!