Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

Löwenquelle und Brunnengeist

WIR VERLASSEN die Fahrstraße und gehen links über einen kleinen Steig hinauf zur berühmten Löwenquelle. Aus dem steinernen Löwenkopf sprudelt das Wasser, das wegen seiner ganz besonderen Qualität dazu beigetragen hat, dass Unken 1873 das Attribut „Bad“ verliehen bekommen hat. Von diesem Wasser müssen Sie trinken!

Das „Lusthaus“ war vielbesuchter Ort der Kurgäste von Bad Unken. Das waren die gleichen Herrschaften, die auf der Fellner Au Tennis spielten.

Im Jahre 1845 erschien eine Schrift über das Schütterbad und die Löwenquelle von Joseph Wilhelm Werner, „Doctor der Medicin und Chirurgie, Mitglied der medic. Facultät und Secundar - Arzt im k.k. allg. Krankenhause zu Wien.“

In seiner Vorrede schrieb er:

„Ich halte es als Arzt für meine Pflicht, über das Schütterbad bei Unken einige Nachrichten zu geben, die sowohl den Aerzten willkommen, als manchem Leidenden behufs der Wiederherstellung seiner Gesundheit tröstend sein dürften. Da ich als Curgast hier für längere Zeit verweilte, so spreche ich aus eigener Erfahrung. Meine Absicht dabei ist, das Gute und Zweckmäßige einer jungen Badeanstalt bekannt zu geben, nicht aber eine gelehrte Abhandlung zu schreiben.“

Dr. J. W. Werner schrieb über die Löwenquelle und den „Brunnengeist“:

Die Trinkquelle

Die Trinkquelle entspringt ziemlich reichhaltig am Fuße des westlichen Abhangs des 4174‘ hohen Achbergs bei 6 Klafter über dem Wasserspiegel der Saale und bei 2000‘ über der Meeresfläche. Sie gibt ein köstliches Trinkwasser, welches, von einem eben nicht sehr künstlich aus Marmor gearbeiteten Löwen gespendet, sich sodann in einem kleinen Becken sammelt. Obwohl es im Gebirge eine Unzahl von guten Trinkquellen gibt, so werden doch gewiß nur äußerst wenige sein, welche mit dieser Quelle hinsichtlich der vorzüglichen Güte einen Vergleich aushalten können. Ich bestimmte den Wärmegrad dieser Quelle öfter und bei verschiedener Witterung mit dem Thermometer, und fand bei heiterem Himmel jederzeit eine Temperatur von +4 Grad R., hingegen bei trübem, regnerischen Wetter von nahe +5 Grad R., und dieses Ergebnis blieb sich so constant, daß man den Wärmegrad des Wassers dieser Quelle als Wetteranzeige benützen könnte.

Das Wasser der Quelle ist gänzlich farblos und klar wie ein Krystall, äußerst erquickend und wohlschmeckend, und so kalt, daß einem nicht daran Gewöhnten, um sich so auszudrücken, die Zähne schmerzen; zugleich enthält es eine Menge eingeschlossenen Gases, welches sich bei längerem Stehen als Luftperlen an die Wände des Gefäßes ansetzt. Merkwürdig bleibt es allerdings, daß dieses Wasser bei schlechtem Wetter merklich von seiner erquickenden und belebendend Eigenschaft verliert und, wie oben erwähnt wurde, auch eine Temperatur – Erhöhung von beinahe einem Grade R. erfährt.

Das Wasser unserer in Rede stehenden Trinkquelle wird fleißig getrunken, und zwar nicht allein von den anwesenden Badegästen und den in der Nähe wohnenden Landleuten, sondern auch von allen Durchreisenden, die von der Existenz dieses Brunnens Kenntniß haben.

Vermöge der vortrefflichen, physischen Eigenschaften eignet sich das Wasser dieser Quelle ganz besonders zu einer Trinkkur; nur ist es erforderlich, falls man einen Erfolg da-von gewahren will, das Quantum des zu trinkenden Was-sers, und die Zeit, wann und wie lange es getrunken werden soll, näher zu bezeichnen. Was den ersten Punct, d.i. die Menge des zu trinkenden Wassers anbelangt, so sei selbe so groß, als sie ohne Druck oder sonstige Beschwerden im Magen zu verursachen, aufgenommen werden kann. Da jedoch nicht alle Individualitäten gleich sind, so kann man auch nicht ein gewisses Quantum als Regel aufstellen, sondern dieses ist verschieden nach verschiedenen Umständen und von Alter, Constitution, Gewohnheit u.s.w. abhängig. Jeder trinke so viel, als ihm mundet, zwinge sich aber durchaus nicht zu einer bestimmten Menge. Menschen, die nicht viel auf einmal trinken können, sollen öfter und jedesmal nur kleine Quantitäten trinken, und nur allmählig die Wassermenge steigern.

Was die Zeit des Trinkens betrifft, so ist unstreitig der Mor-gen dazu am geeignetsten, sowohl vor als nach eingenommenem Frühstück. Jedoch scheint es mir rathsam, wenigstens eine Stunde vor dem Mittagessen das Trinken zu beenden, um einerseits nicht mit einem mit Wasser überfüllten Magen das Mahl zu beginnen, und um andererseits der Ansammlung des erforderlichen Magensaftes die nöthige Zeit zu gestatten.

Auch der Nachmittag gibt ein schickliches Moment zum Trinken, wenn die Verdauung bereits beendet ist, was nach 3 – 4 Stunden der Fall ist.
Daß man während des Trinkens einige Bewegung mache, bedarf keiner besonderen Erwähnung, indem es sich von selbst versteht.
Die Dauer einer Trink Kur richtet sich, abgesehen von den individuellen Verhältnissen, nach dem zu bekämpfenden Übel, und wächst im Verhältnisse mit der Hartnäckigkeit desselben. Es können einige Wochen genügen, hingegen aber auch mehrere Monate, ja Jahre erforderlich sein.

Ich trank das Wasser der Trinkquelle zu ziemlichen Quantitäten öfter des Tages, jedesmal eine Maß und darüber, und fand die heilsamen Wirkungen bestätigt, die schon Hunderte vor mir erfahren und angerühmt habe; besonders muß ich aber hervorheben: die enorme Steigerung des Appetits und die leichtere Verdauung der genossenen Speisen, die häufigere Absonderung des Urins und die mehrmalige Absetzung breiiger Stühle, die Heiterkeit des Geistes verbunden mit dem Verlangen, viel Bewegung zu machen, und endlich ein gewisses Wohlbehagen des ganzen Körpers.

Selbst bei der für meinen Organismus größtmöglichen Menge des getrunkenen Wassers spürte ich weder Druck im Magen, noch sonstige Unannehmlichkeiten. Alle die nun aufgezählten Wirkungen von der niederen Temperatur des Wassers allein herleiten zu wollen, würde ungereimt sein, denn wäre dies das einzige Agens, so könnte man sich leicht auch in ebenen Gegenden und zu jeder Jahreszeit mittelst Eises ein solches Wasser als Ersatzmittel bereiten, das eine und das andere in eine Parallele zu stellen, oder die gleichen Wirkungen beider zu behaupten. (Hätte man in großen Städten lauter solches Trinkwasser, ich glaube, man brauchte keine Mäßigkeits – Vereine zu errichten, um dem Mißbrauche der geistigen Getränke zu steu-ern, sondern jeder würde gewiß aus eigenem Antriebe ein so köstliches Getränk jedem anderen vorziehen.).

Da mir keine Analyse von diesem Brunnen bekannt ist, so kann ich auch nicht der üblichen Formalität genügen, und eine solche beisetzen. Zudem ist unsere Chemie in diesem Puncte noch weit zurück, und außer Stande, die imponderablen Stoffe, welche diesen und andere derartige Brunnen beleben, und so wohlthätig auf den ganzen Organismus einwirken, und welches geheime Agens man am schicklichsten mit dem Worte „Brunnengeist“ benennt, nachzuweisen.
Daher muß man sich bei der Beurtheilung solcher Quellen nicht an die mangelhafte Analyse eines Chemikers, sondern allein an die Erfahrung halten. Letztere soll mir daher als Wegweiser dienen, und daraus will ich die Krankheitsfälle dedciren, welche mit Erfolg besiegt werden, und besiegt werden können.

Da der öfter und länger fortgesetzte Gebrauch der Trinkquelle so belebend und stärkend unmittelbar auf das vegetative oder niedere, und mittelbar auf das animalische oder höhere Nervensystem einwirkt, so gehören alle jene Krankhei-ten des Nervensystems hierher, welche entweder auf einer Schwäche oder übermäßig leichter Erregbarkeit, oder auf einer Verstimmung derselben beruhen: wie nervöse Schmerzen verschiedener Organe, des Kopfes, der Brust, nervöse Affection des Herzens und der großen Gefäße, Hysterie, Hypochondrie, nervöse Leiden des uropoetischen Systems, wie erschwertes Urinieren, Brennen dabei, u.s.w. Da ferner besonders wegen dem niedrigen Temperaturgrade des Wassers ein so wohlthätiger Einfluß auf den ganzen Verdauungsappa-rat unverkennbar ist, so indiciren eine geschwächte und langsame Verdauung mit allen ihren lästigen Begleitern, als da sind: Aufstoßen, Sodbrennen, Druck in der Magengegend, Poltern im Unterleibe und der Abgang häufiger Blähungen; ferner eine chronische oder schleichende Entzündung der verschiedenen Verdauungsorgane den Gebrauch dieser Quelle. Da überdies durch das fleißige Trinken die Säfte verdünnt, und die Stuhl- und Harn- Entleerungen reichlicher werden, so gehören auch alle jene Krankheiten, die durch Stockung und Anhäufung auszuscheidender unbrauchbarer Stoffe entstehen, wie Überfüllungs–Zustände verschiedener Organe, Leberanschoppungen, habituelle Hartleibigkeit, Hämorrhoidalleien jeder Art, selbst Melancholie als Folge materieller Ursachen u.s.w. in den Bereich der von dieser Quelle besiegbaren Krankheiten.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!