Ein herzliches Danke an die Autorin Christine Becker (†)

1945 – „Wie der Geistler Vater ins G’fängnis kemma is“

Aus dieser Zeit gibt es viele Geschichten. Sie wollen noch eine hören? Sie erzählt uns Leopold Schmuck, der Geistler Poid aus dem Gföll:

Wie der Geistler Vater in’s G’fängnis kemma is.*)

Es war Krieg, die Männer waren „im Feld“. Fremde Arbeiter wurden den Höfen zugeteilt um die Ernte zu sichern. So kam’s, daß der Bürgermeister Blasius Herbst aus dem Fenster des Gemeindeamtes im ersten Stock des Buch - mayer-Hauses, heute Haus Küll (Schlecker und Robert’s Cafe) dem Geistlerbauern aus dem Gföll zurief, er solle doch bitte „dem Leitingerbauern sein Ukrainer“ mitnehmen. Der Junge war erst 16 Jahre alt, hieß Petro und weinte. Und weinend ging er dann auch hinter dem Fuhrwerk her, den ganzen langen Weg in’s Gföll in eine für ihn noch ganz unbestimmte Zukunft. Josef Polak arbeitete beim Geistler Bauern. Keineswegs waren solche Ostarbeiter durch Kriegswirren in unser Tal verschlagen worden.

Sie wurden vielmehr auf Anweisung der Deutschen Reichsregierung systematisch aus ihren Dörfern geholt und für den Arbeitseinsatz in das Reichsgebiet gebracht. Strenge Regeln sollten verhindern, daß eine Annäherung zur örtlichen Bevölkerung entstand. Die Türe der Kammer mußte vom Abend bis zum Morgen von außen verschlossen werden.

In einem so abgelegenen Tal wie es das Gföll war, sind die Leute immer schon ein bißchen mehr aufeinander angewiesen gewesen, haben wohl auch mehr als woanders zusammengehalten und so integrierte man diese Menschen nach und nach in die Gemeinschaft und sie lebten fast wie Familienmitglieder. Neben diesen zivilen Arbeitern wurden auch Kriegsgefangene in der Landwirtschaft eingesetzt und so gab es in regelmäßigen Abständen eine Kontrolle durch die Polizei für die Zivilen und für die Gefangenen durch das Militär. Während beim Geistler in der Stub’n wieder einmal alle beim „Hoagascht“ ( sprachlich ursprünglich Heimgarten, gemütliches Beisammensein am Feierabend) beisammensaßen, auch die Serben und die Polen und Petro, waren sich unten im Unkental der Polizist Höller und ein Militär begegnet. Sie hatten den gleichen Weg, jeder nach seinen „Schutzbefohlenen“ zu sehen. Ebenfalls auf dem Heimweg war ein Gföller Bauer. Er wußte, daß beim Geistler heute „Hoagascht“ war und wußte auch, daß die Ostarbeiter immer dabei waren. Das war höchst gefährlich und er versuchte unter allerhand Vorwänden, die beiden zu überholen um zu warnen. Er stürzte von hinten in’s Haus und in die Stube: „Serben raus...“ Zu spät! Der Bauer wurde verhaftet und nach Salzburg mitgenommen. Sechs Wochen lang war er im Gefängnis und im Einsatz, Bombenschutt zu räumen. Es war die Zeit der häufigen Fliegerangriffe auf die Stadt. Sie war voll mit Flüchtlingen, die Menschen strömten in die überfüllten Luftschutzkeller. Sträflinge hatten dort keinen Platz... Und doch ist der Geistler Vater eines Tages gesund wieder heim gekommen.

Wir danken außerdem den Erben zur Freigabe des geschichtlichen Werkes der Unkener Spaziergänge!